Mit einer Festwoche ab dem 28. August erinnert die Stadt im Thüringer Wald an die Ankunft Goethes, der dort den Bergbau wiederbeleben sollte. Es war der Beginn einer lebenslangen Beschäftigung mit Geologie.
von Frank Kaltofen
Goethe-Denkmal am Ilmenauer Markt (Foto: Daniel Beyer, CC BY-SA 3.0)
250 Jahre:
Goethe,
Ilmenau und der Bergbau
Es ist ein Tag im Mai 1776, als Johann Wolfgang Goethe zum ersten Mal nach Ilmenau reitet. Rund ein halbes Jahr zuvor war der junge Dichter am Weimarer Hof angekommen. Sein Freund, der Herzog Carl August von Sachsen-Weimar, hat ihn nun geschickt, um den Erzabbau am Nordhang des Thüringer Waldes wiederzubeleben. Es ist für Goethe der Beginn einer lebenslangen Beschäftigung mit naturwissenschaftlich-geologischen Fragestellungen – und zu einer großen Niederlage in seiner Karriere.
Mehr als 20 Mal kehrt er danach zurück in die Stadt am Fuße des Kickelhahns; auf jenem Berg verfasst er im September 1780 sein berühmtes Gedicht „Wandrers Nachtlied“, mit Bleistift an einer Bretterwand der Schutzhütte, die heute „Goethehäuschen“ heißt. Ilmenau und der nahegelegene Ortsteil Manebach beheimaten mehrere solcher Goethestätten, einen zugehörigen Wanderweg sowie mehrere Museen.
Für den 250. Jahrestag seiner Ankunft hat Ilmenau ein ganzes Goethe-Jahr ausgerufen, das mit der Festwoche ab dem 28. August – Goethes Geburtstag – seinen Höhepunkt erreicht.
Ilmenau und der Bergbau: Goethes Herausforderung
Der Bergbau hat in Ilmenau und Umgebung eine lange Tradition: Bereits im 13. Jahrhundert wurden hier Erze abgebaut, vor allem Silber und Kupfer. In Folge eines Wassereinbruchs 1739 kam der Bergbau dort allerdings für nahezu 50 Jahre zum Erliegen; nur ein einziger, der Martinrodaer Stollen, wurde noch erhalten.
Der erst 26-jährige Goethe hat nun von seinem Herzog den Auftrag erhalten, dem Kupferschiefer-Bergbau in Ilmenau neues Leben einzuhauchen. Seine Biografin Sigrid Damm sieht im letztlichen Scheitern dieses Unterfangens „eine der bittersten Niederlagen“ von Goethes Leben.
Aber der Reihe nach. In einem Brief aus dem Jahr 1780 schreibt Goethe, der inzwischen Vorsitzender der herzoglichen Bergbaukommission ist, er habe sich dem Bergwesen „mit einer völligen Leidenschaft ergeben“. Für den Wissenschaftshistoriker Thomas Schmuck, den Kustos der Naturwissenschaftlichen Sammlungen bei der Klassik Stiftung Weimar, ist dies zugleich der „Ausgangspunkt und Auslöser seines geowissenschaftlichen Arbeitens und Sammelns“ – die heute von Schmuck verwaltete Sammlung umfasst über 18.000 Mineralien, Gesteine und Fossilien.
„Das Bergwerk in Ilmenau ist es, das Goethes Gespräch mit der Erde eröffnet, das ihn auf die Spur des Naturwissenschaftlers bringt.“
Sigrid Damm in ihrem Buch »Geheimnißvoll offenbar«. Goethe im Berg
Von den Bergbaufragen im engeren Sinne erweitert sich Goethes Interesse schnell auch auf die Erdgeschichte als Ganzes, auf „Fragen nach dem Aufbau, der Entstehung und dem Alter der Erde, der Entstehung und Lagerung der Gesteine, nach dem Ursprung der Fossilien“, wie Schmuck in seinem aktuellen Buch Anschauung der Erde. Goethes geowissenschaftliches Arbeiten und Sammeln umreißt.
Insofern verdanken wir wohl Goethes umfangreiches naturwissenschaftliches Werk, das zu großen Teilen erst aus dem Nachlass heraus publiziert wurde, wesentlich seinen Amtspflichten im Thüringer Wald.
Goethe als „Influencer“ für Ilmenau
Teil dieser Amtspflichten ist es damals auch, als Gallionsfigur mit seinem Namen und seiner (wachsenden) Prominenz für das Bergbauvorhaben zu stehen. Da die Finanzierung wesentlich über den Verkauf von Anteilsscheinen – so genannten Kuxen – erfolgt, musste Goethe unter anderem Überzeugungsarbeit für deren Ankauf leisten. Auch Freunde von ihm wie Johann Gottfried Herder, Karl Ludwig von Knebel oder Christoph Martin Wieland erwerben Kuxe, Letzterer sogar zehn Stück. Bei Versammlungen der Anteilseigner hat seine Präsenz Gewicht: „Auf mehreren dieser Zusammenkünfte wird Goethe als Hauptredner auftreten, Rechenschaft geben, sozusagen als Unternehmenssprecher und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit fungieren“, beschreibt Sigrid Damm in Goethe im Berg. Am Tag der feierlichen Wiedereröffnung des Bergwerks, am 24. Februar 1784, hält der damals 34-Jährige die Festrede, spricht laut Damm aber auch davon „daß nunmehr die Schwierigkeiten der Ausführung uns erst fühlbar werden müssen“.
Im Sommer und Herbst des darauffolgenden Jahres verbringt er jeweils mehrere Wochen für Besichtigungen und Sitzungen in Ilmenau, arbeitet während dieser Aufenthalte an seinem Wilhelm Meister. Ein erster Rückschlag für das Unterfangen folgt 1787 mit zwei großen Wassereinbrüchen im Stollen – Goethe weilt zu dieser Zeit allerdings in Italien; erst im Mai 1788 wird er von dort zurückkehren. Vertreten lässt er sich in dieser Zeit durch den Weimarer Minister Christian Gottlob Voigt, der schon 1783 auf Goethes Wunsch in die herzogliche „Bergwercks-Commission“ berufen worden war.
Die Goethe-Festwoche vom 28.08. bis 06.09. bietet in Ilmenau und Umgebung zahlreiche Veranstaltungen wie Vorträge, Stadtführungen und Konzerte. Auch begleitete Wanderungen auf dem Goethewanderweg stehen auf dem Programm. Am 30. August ab 11:00 Uhr findet außerdem der Vortrag „Goethe und der Ilmenauer Bergbau“ statt.
Lichtblicke und Rückschläge
Eine prominente Rolle vor Ort wird Goethe wieder im Sommer 1791 spielen, als er die Versammlung der Anteilseigner in Ilmenau eröffnet. Dort muss er seinen Charme spielen lassen, denn durch Verzögerungen sind neue Zahlungen der Aktionäre – so genannte Zubußen – nötig geworden. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass solche Finanzierungsthemen auftauchen.
Im September des Folgejahres dann immerhin ein Lichtblick, das Flöz wird erreicht: „Unter dem Jubel der Bergleute und der Ilmenauer Bevölkerung wird – bekränzt von Blumen – die erste Tonne zu Tage gebracht. Goethes als des Leiters der Bergwerks-Kommission wird mit ‚lautem Vivatrufen … gedacht‘“, beschreibt Sigrid Damm die Szene. Der so Gerühmte ist allerdings selbst nicht anwesend, da er zusammen mit Herzog Carl August am preußisch‑österreichischen Feldzug gegen das revolutionäre Frankreich teilnimmt – diese Erfahrungen wird er Jahre später in seiner autobiografischen Schrift Campagne in Frankreich 1792 festhalten. Erst im Oktober erreicht ihn darum die positive Botschaft aus Ilmenau.
Doch der Optimismus wehrt nicht lange; erste Schmelzproben des geförderten Gesteins ergeben, dass es nur einen sehr geringen Gehalt verwertbarer Bestandteilen enthält. Wird der prominente Minister der Sache müde? Sigrid Damm beschreibt: „Man tut alles, um die Gefahr seines Rückzugs zu bannen.“ – natürlich, sein Ausstieg wäre ein massiver Prestigeverlust. Ende 1793 eröffnet Goethe erneut eine Versammlung der Anteilseigner, „versucht Optimismus zu verbreiten, gewiß schon wider besseres Wissen“, so Damm weiter; die Versammlung kommt zu dem Beschluss, die Arbeiten vorerst einzustellen.
Abkehr und Abschluss
Weitere Finanzierungsversuche bleiben in den darauffolgenden Jahren erfolglos: Viele der kleineren Anleger können die „Zubußen“ nicht aufbringen; andere Aktionäre ziehen sich nach und nach zurück oder lassen ihre Kuxe verfallen – darunter auch Wieland.
Im Herbst 1796 dann bricht der Martinrodaer Stollen an mehreren Stellen, Wasser stürzt ein. Hier beginnt laut Damm die Phase von „Goethes stufenweisem Rückzug aus dem Geschäft, schließlich die seiner gänzlichen Inaktivität“; im Juli 1797 lässt er sogar seinen eigenen Anteilschein – den Kux Nummer 100 – verfallen. Ein klares Zeichen für seinen Ausstieg?
Goethes letzte Unterschrift in Zusammenhang mit dem Ilmenauer Bergwerk datiert laut Damms Recherchen „soweit es die Protokolle bezeugen – vom 18. August 1800. Von diesem Zeitpunkt an verliert sich Goethes Spur in den Akten“. Jahre später, 1813 schließlich ordnet der Herzog die endgültige Schließung an. Carl August beauftragt jedoch nicht seinen Freund Goethe, sondern Christian Gottlob Voigt mit der Liquidation des Unternehmens.
„Die Geschichte des Ilmenauer Bergbaus unter Goethes Leitung ist eine Geschichte der Niederlagen“, bilanziert Sigrid Damm kritisch. Fast tausend private Investoren aus dem Weimarer Fürstentum und ganz Deutschland verloren ihr eingezahltes Geld. Für Goethe selbst muss es ein herber Schlag gewesen sein; gut 17 Jahre lang bleibt er Ilmenau nach der endgültigen Schließung der Unternehmung fern.
Geradezu versöhnlich wirkt es darum, dass ihn seine letzte längere Reise aus Weimar noch einmal nach Ilmenau führt: Im August 1831 verbringt er dort, gemeinsam mit seinen beiden Enkeln Walther und Wolfgang, seinen 82. Geburtstag. Seinen eigenen Sohn August hatte der Dichter als damals Fünfjährigen schon mit nach Ilmenau genommen – wohl die Initialzündung einer lebenslangen Faszination des Juniors für mineralogische und geologische Themen, die August später zu einem wichtigen Helfer der väterlichen Sammlung machen sollte. Einer Sammlung, der Kustos Thomas Schmuck im Goethehaus Weimar bis heute neue Erkenntnisse entlocken kann. Damit bleibt also doch ein Gewinn aus den Ilmenauer Amtsgeschäften des Dichters und Ministers, zumindest für die Wissenschaftsgeschichte.
Zum Weiterlesen
Sigrid Damm:
»Geheimnißvoll offenbar«. Goethe im Berg
Insel Verlag
123 Seiten
Thomas Schmuck:
Anschauung der Erde. Goethes geowissenschaftliches Arbeiten und Sammeln
Sandstein Kultur
356 Seiten