Essay:
Verfrühte Glückwünsche?
Der 4. Juli 1776 gilt als Geburtsstunde der Vereinigten Staaten. Dabei war zu diesem Zeitpunkt – und sogar noch mehr als ein Jahrzehnt danach – längst nicht ausgemacht, wie united diese states eigentlich sein konnten oder wollten. Ein Rezensionsessay über (Un-)Einigkeit und mehrere ‚founding moments‘.
von Frank Kaltofen
Philadelphia, Pennsylvania, im Sommer 1776: Nach Beratung und Änderung eines Entwurfs, der von einem fünfköpfigen Komitee unter Federführung des Delegierten Thomas Jefferson vorgelegt worden war, verabschiedete der Kontinentalkongress den Text einer Proklamation. Die rund 1.300 Wörter umfassende Erklärung gilt gemeinhin als point of no return für die britischen Kolonien in Nordamerika, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als einem Jahr im Krieg mit ihrem „Mutterland“ befanden.
Das Dokument beginnt mit den Worten „In Congress, July 4, 1776. The unanimous Declaration of the thirteen united States of America…“ (man beachte die hier noch verwendete Kleinschreibung des nicht trivialen Wortes united). Doch allzu einig waren sich die 13 Noch-Kolonien in diesem Sommer eigentlich nicht; sogar zur Frage der Unabhängigkeit selbst hatte unter ihnen lange Uneinigkeit geherrscht.
Es geht dabei keineswegs um historiografische Haarspalterei, sondern um eine Verdeutlichung, wie weit der Weg noch war vom Sommer 1776 bis zu dem Staatswesen, das wir mit den United States of America verbinden.
Multiple „Geburtsstunden“?
Die Unabhängigkeitserklärung war kein singuläres Ereignis. Nicht nur, weil sie eben als ein (wenn auch elementares) Glied in einer langen Kette von Geschehnissen steht. Sondern auch, weil vor dem 4. Juli bereits zig Unabhängigkeitserklärungen abgegeben worden waren – von Städten, Bürgerkomitees und sogar einer Vielzahl der einzelnen Kolonien: Die Historikerin Jill Lepore hat mehr als 90 solcher Erklärungen gezählt. „Diese Dokumente trieben den Kongress in Richtung Unabhängigkeit“, schreibt die Professorin für amerikanische Geschichte an der Harvard University in ihrem Buch WE THE PEOPLE – Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung. Gemeint ist dabei der ab 1774 existierende, nicht permanent tagende Kontinentalkongress (Continental Congress), zusammengesetzt aus Delegierten der nordamerikanischen Kolonien.
Mit jenem Jahr 1774 beginnt für Lepore übrigens die Phase, die sie in ihrem über 900 Seiten umfassenden Mammutwerk mit „Erfindung der Verfassung“ überschreibt. Im darauffolgenden Jahr begann der Krieg gegen Großbritannien. Selbst zu diesem Zeitpunkt konnte man die 13 Kolonien nicht als allzu united bezeichnen, außer in ihrer grundsätzlichen Ablehnung der britischen Kolonialherrschaft – und selbst diese Aversion war keineswegs universell geteilt.
So war auch die Deklaration vom 4. Juli 1776 weder der Beginn einer Revolution noch der kriegerischen Auseinandersetzung mit der Kolonialmacht Großbritannien. Inhaltlich war sie vor allem eine öffentliche Rechtfertigung: eine Auflistung von Gründen, von Verfehlungen der britischen Krone. Und damit bot sie ein Narrativ, das öffentlich genutzt und verbreitet werden sollte. Schon am 9. Juli ordnete beispielsweise General Washington an, die Unabhängigkeitserklärung solle vor Truppen seiner Kontinentalarmee verlesen werden.
„Die Erklärung von 1776 sollte einen laufenden Kampf befeuern und beflügeln, die Verfassung der Revolution ein dauerhaftes, institutionelles Geflecht verschaffen.“
Historiker Michael Hochgeschwender in seinem Buch Die Amerikanische Revolution
Die (zu) schwache Konföderation
Im selben Monat begann der Kontinentalkongress seine Debatten über die Articles of Confederation and Perpetual Union, eine gemeinsame verfassungsrechtliche Grundlage der 13 Kolonien. Nach ihrer Verabschiedung durch das Gremium im November 1777 zog sich die Ratifizierung bis März 1781 hin. Immerwährend (perpetual) war dieser gemeinsame Rechtsrahmen allerdings nicht. „Die Ratifizierung der 1776 verfassten und 1777 überarbeiteten Konföderationsartikel dauerte so lange, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Annahme bereits dringend änderungsbedürftig waren“, schreibt Jill Lepore in ihrer Verfassungsgeschichte.
Tatsächlich erwies sich der so entstandene Konföderationskongress als weitgehend handlungsunfähig: Er konnte keine eigenen Steuern erheben und hatte zudem keinerlei Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen gegen getroffene Vereinbarungen. Das föderale Gremium sah sich faktisch 13 souveränen Einheiten mit starken Eigeninteressen gegenüber.
Auf Dauer konnte diese Konstellation nicht funktionieren. „Thirteen sovereignties pulling against each other, and all tugging at the federal head, will soon bring ruin on the whole”, zitiert Historiker Joseph J. Ellis den späteren Präsidenten Washington aus einem Brief Mitte der 1780er Jahre.
Zu united für die states
Washington und andere waren überzeugt, dass die Articles of Confederation dringend überarbeitet oder gänzlich ersetzt werden mussten, um ein Zerfallen der (zwischenzeitlich siegreichen) Vereinigten Staaten zu verhindern.
Doch schon vor der Philadelphia Convention, die von Mai bis September 1787 tagte – übrigens ohne den expliziten Auftrag, eine neue Verfassung auszuarbeiten – zeigte sich die Furcht vor einem starken central government, das den Einzelstaaten keine Befugnisse mehr lassen, womöglich sogar ihre im Krieg gegen Großbritannien so mühsam errungene Freiheit wieder nehmen würde. Entsprechend gab es Diskussionen in den Einzelstaaten, ob man überhaupt Delegierte nach Philadelphia entsenden solle – Rhode Island beispielsweise entschied sich dagegen.
„There were really two founding moments: the first in 1776, which declared American independence, and the second in 1787-88, which declared American nationhood.”
Historiker und Pulitzer-Preisträger Joseph J. Ellis in seinem Buch American Creation
Bei vielen ergab sich diese Ablehnung aus der Befürchtung, eine gestärkte Union werde zu „einem bürokratischen Megastaat, einem Leviathan, verkommen, der weder Freiheit noch Gleichheit vor dem Gesetz kennen würde“, beschreibt der Historiker Michael Hochgeschwender in seinem Buch Die Amerikanische Revolution. Aus Sicht dieser später als Anti-Federalists bezeichneten Skeptiker ging es dabei um nicht weniger als die Sicherung der verlustreich errungenen Erfolge einer Revolution – und um das Verhindern eines Umkippens in eine neuerliche Monarchie.
Inwieweit dieses Schreckensszenario wirklich realistisch gewesen wäre, sei dahingestellt. Sehr wahrscheinlich ist aber, so US-Historiker Ellis, dass diese Bedenken wohl eine Mehrheit der damaligen Gesamtbevölkerung geteilt haben dürfte; die Stärkung der Zentralgewalt sei vor allem das Vorhaben einer elitären Minderheit gewesen.
Ein schwieriger Weg auch nach dem Verfassungskonvent
Auch der Ratifizierungsprozess für den in Philadelphia verabschiedeten Verfassungsentwurf zeigt, dass von übergreifender Einigkeit noch keineswegs die Rede sein konnte. Während in Delaware schon im Dezember eine eigens gewählte Delegiertenversammlung mit 30 zu 0 Stimmen ihre Zustimmung zur neuen Verfassung gab, waren andernorts Mehrheiten – darunter in wichtigen Staaten wie Massachusetts oder New York – mitunter nur hauchdünn. Rhode Island wiederum, das ja nicht einmal Delegierte nach Philadelphia entsandt hatte, hielt zunächst eine Volksabstimmung ab, die mit einer krachenden Ablehnung des Verfassungsentwurfs endete.
Das relevante Quorum von 9 der 13 Staaten wurde letztlich durch die Ratifizierung in New Hampshire im Sommer 1788 erreicht. Im darauffolgenden März trat der neue Kongress erstmals zusammen. Als George Washington schließlich Ende April auf dem Balkon der Federal Hall in New York City als erster US-Präsident vereidigt wurde, hatte das widerborstige Rhode Island die Verfassung noch immer nicht ratifiziert – das geschah erst mehr als ein Jahr später, mit einer knappen Mehrheit von 34 zu 32 Stimmen einer Delegiertenversammlung.
Fast 14 Jahre zuvor, im Sommer 1776, waren die Kolonien noch alles andere als united – bestenfalls waren sie sich annähernd einig über das Wogegen, aber keineswegs über das Wofür ihres Kampfes oder das Wohin ihres Weges. Viel Zeit war danach noch verstrichen, um eine echte gemeinsame Basis für „Vereinigte Staaten von Amerika“ zu schaffen.
Darum wird es in den kommenden Jahren noch viele 250. Jubiläen geben, die ihrerseits founding moments der USA nachzeichnen werden.
Zum Weiterlesen
Jill Lepore:
WE THE PEOPLE – Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung
Aus dem Englischen übersetzt von Werner Roller und Annabel Zettel
Verlag C.H. Beck
Hardcover, 920 Seiten
Joseph J. Ellis:
American Creation – Triumphs and Tragedies in the Founding of the Republic
Vintage Books
Paperback, 305 Seiten
Michael Hochgeschwender:
Die Amerikanische Revolution – Geburt einer Nation 1763-1815
Verlag C.H. Beck
Hardcover, 512 Seiten