Oskar Schlemmer Postkarte zur Bauhausausstellung 1923

„Das Bauhaus ist für mich gelebte Fehlerkultur“

Vor 100 Jahren begann in Weimar die erste große Bauhaus-Ausstellung. Unter der Ägide von Walter Gropius präsentierten sich die Meister, Schüler und Werkstätten erstmals der breiten Öffentlichkeit. 
Ein Rückblick auf 1923 und das Bauhaus-Erbe mit Dr. Ute Ackermann von der Klassik Stiftung Weimar.


(Bildrechte: Oskar Schlemmer, Public domain, via Wikimedia Commons)

MdM: Frau Dr. Ackermann, wie kam es damals zu der Bauhaus-Ausstellung, ausgerechnet im großen Krisenjahr 1923?

ACKERMANN: Das Zustandekommen der Ausstellung erklärt sich eigentlich genau aus dieser Krisensituation, denn das Bauhaus war als staatlich geförderte Einrichtung extrem abhängig von Geldern des Landes Thüringen. Aufgrund der politischen Verschiebung innerhalb der Landesregierung musste man, um die Finanzierung weiter zu sichern, auch öffentlich sichtbarer werden. Im Landtag waren es vor allem die Konservativen, die das Bauhaus immer sehr kritisch hinterfragten. Walter Gropius musste für seine Budgets jedes Mal vor den Abgeordneten auftreten und erklären, wofür die Gelder überhaupt benötigt werden. Die Sozialdemokraten hingegen haben ihn immer unterstützt. Die linken Par-teien des Landtags waren „pro-Bauhaus“, was manchen heute dazu verleitet, das Bauhaus als ein „linkes“ Projekt zu betrachten – das war es aber nicht.

Sondern?
Die Programmatik des Bauhauses kommt aus der Ideologie der Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges. 1919 gab es allerhand großer utopischer Träume, die häufig mit der Idee einer sozialistischen Gesellschaft einhergingen, die über gemeinschaftliches Eigentum verfügt und gemeinsam über ihre Ressourcen entscheidet. Da ging es schon auch um so etwas wie Enteignungen, aber ein Hardliner war Gropius auf jeden Fall nicht – er stammte ja selbst aus dem Großbürgertum. Es gab durchaus auch andere Vertreter dieser Bewegung, wie Bruno Taut, der wirklich extreme Positionen einnahm, im Geiste der Novemberrevolution. Aber Gropius wurde schnell klar, dass solche Positionierungen zu heikel werden könnten. Darum gab es zur Jahreswende 1919/1920 auch das generelle Politikverbot am Bauhaus: Wer sich irgendwie politisch betätigte, zum Beispiel beim Plakatemachen für politische Ziele, flog raus oder wurde zumindest gesperrt für ein oder zwei Semester.

Bauhaus-intern war die Ausstellung von 1923 nicht unumstritten, wurde sie doch mangels vorzeigbarer Ergebnisse als zu früh empfunden. Wie ist dieser Einwand rückblickend zu bewerten?

Natürlich war das eine richtige Einschätzung. Eigentlich war den Bauhaus-Akteuren daran gelegen, nicht mit etwas nach außen zu treten, was dann öffentlich als „Endergebnis“ eines noch gar nicht abgeschlossenen Prozesses wahrgenommen wird. Aber wenn man mit Künstlern – egal zu welcher Zeit – zu tun hat, werden diese immer sagen „Ich bin noch nicht so weit“ oder „Das ist noch nicht fertig“. Und andererseits, wenn man eine Schule ist – und das war das Bauhaus eben – wird man irgendwann an diesen Punkt kommen: Schüler, Studierende, die sich in ihrer Ausbildung befinden und damit an ein Ende gekommen sind, präsentieren Abschlussarbeiten – aber das ist eben nicht die Präsentation einer „lebendigen“ Schule! Insofern war die Motivation dieser Ausstellung nicht ganz eindeutig bestimmt: Zeigt man „Endergebnisse“ oder stellt man das Bauhaus und was dort gemacht wird dem breiten Publikum vor?

Die Bauhaus-Woche zu Beginn des Ausstellungszeitraums eröffnete Walter Gropius mit einem Vortrag über „Kunst und Technik“ als eine „neue Einheit“. Worauf zielte dieser Slogan ab?

Diese Formulierung zielte in erster Linie auf eine interne Wende im Bauhaus ab. Das Bauhaus war 1919 mit der Forderung angetreten, dass Künstler zum Handwerk zurückkehren müssten. Kunst und Handwerk, so wurde gesagt, haben die gleichen Grundlagen. Und wenn Kunst an der Gestaltung einer „neuen Gesellschaft“ mitwirken möchte – und keinen geringeren Anspruch hatte das Bauhaus – dann muss die Kunst mittun können. Aber das kann sie nicht, wenn sie „l’art pour l’art“, also sinngemäß „die Kunst um der Kunst willen“ ist – sie muss aktiv sein, muss gestalterisch in den Alltag eingreifen. Gropius hatte erkannt, dass die Absolventinnen und Absolventen von Kunsthochschulen auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen haben. 

Oskar Schlemmer, Werbeblatt zur Bauhaus-Ausstellung 1923

„DIE SCHULE zeigt Erziehung und Bildung des Menschen auf dem Wege von Handwerk und Kunst.“ – Werbeblatt zur Bauhaus-Ausstellung 1923.

(Bildrechte: Oskar Schlemmer, CC0, via Wikimedia Commons)

Und mit einer Handwerksausbildung konnte das Bauhaus diese Situation verbessern? 

Genau. Gropius sagte: Kunst ist nicht lehrbar, hat aber die gleichen Grundlagen wie das Handwerk. Wer also über diesen Götterfunken und das Talent verfügt, wird sich nach dem Studium als Künstler durchsetzen – alle anderen haben aber zumindest eine solide Ausbildung erhalten und können trotzdem wichtige Beiträge für die Gesellschaft leisten. Das hob stark auf diese Rückbesinnung auf das Handwerk ab. Dieses Credo „Alle zusammen, alles mit der Hand“ hat auch intern im Bauhaus zu großen Konflikten geführt. Es gab unter dem Bauhaus-Meister Johannes Itten eine große Fraktion, die sagte, die handwerkliche Ausbildung habe nur der Persönlichkeitsentwicklung zu dienen: Man begreift ein Material und den Umgang damit, und wenn man es bearbeitet, dann bearbeitet man eigentlich auch seine Persönlichkeit, Talente und Neigungen. Itten hat die Idee von Lohnarbeit im Bauhaus komplett abgelehnt und daraus entstand ein interner Konflikt. Dabei hat sich Gropius als Leiter durchgesetzt. Mit dem von Ihnen zitierten Slogan hat der Bauhaus-Direktor auch klargemacht: Schluss mit dem Arbeiten im Stillen und mit dem klösterlichen Dasein des Bauhauses – man öffnet sich jetzt nach außen, auch in den Werkstätten. Auch um Geld zu verdienen und sich gegenüber neuen Techniken sowie Maschinen zu öffnen und sie in der Arbeit und Ausbildung mitzudenken.

Stichwort „sich öffnen“: Wie fiel denn die öffentliche und mediale Resonanz auf die Bauhaus-Ausstellung aus? Gab es große Unterschiede zwischen der regionalen und überregionalen Rezeption?

Es gab, dank Gropius’ Gabe, sich zu vernetzen und für sein Bauhaus Werbung zu machen, einige internationale Besprechungen und durchaus überregionale Resonanz. Die meisten Reaktionen aber kamen aus der Regionalpresse – und damit auch die meisten kritischen Stimmen. Aber auch nicht alles, was aus Berlin, Frankfurt oder Köln kam, war positiv. Ebenso gab es dann in den regionalen Zeitungen auch hin und wieder mal eine gute Kritik. 
Spannend dabei ist: Im Vorfeld wurde das Haus Am Horn als das wichtigste Objekt der Bauhaus-Ausstellung angekündigt. Aber in der rein quantitativen Betrachtung der Resonanz steht dieses real gewordene Musterhaus an letzter Stelle. Das wichtigste Ereignis für die Presse war die eröffnende Bauhaus-Woche, mit all den Veranstaltungen und eingeladenen Künstlern. Das war die große Sensation. Danach folgten dann die verschiedenen Ausstellungsorte, zum Beispiel die Ausstellung der Meister des Bauhauses, die medial stark wahrgenommen wurde. Erst dann folgte das Haus Am Horn – was wohl auch daran lag, dass das Gebäude ein bisschen am Rand der Stadt liegt. Aber eigentlich war das Wichtige am Bauhaus ja das Gemeinschaftswerk, also etwas, das man mit einer Ausstellung allein gar nicht adäquat darstellen kann. Darum war das Haus Am Horn so wichtig – als gemeinsames Projekt aller Werkstätten!

„Das Bauhaus war 1919 mit der Forderung angetreten, dass Künstler zum Handwerk zurückkehren müssten.“

Eigentlich sollte ja eine ganze Bauhaus-Siedlung auf dem Gelände Am Horn in Weimar entstehen. Wieso blieben die Pläne unvollendet? 
Eine Bauhaus-Siedlung war schon seit 1919 im Gespräch. Es gab dazu über die Jahre verschiedene Ideen, unter anderem expressionistische Entwürfe ganz am Anfang der 20er Jahre. Es setzte auch 1919 bereits die Suche nach einem geeigneten Bauplatz ein. Schließlich wurde dann ein recht großes Gelände Am Horn von der Stadt gepachtet und zunächst nur als Gartengelände für die Selbstversorgung der Bauhaus-Kantine genutzt. Im Vorfeld der Bauhaus-Ausstellung entschied man, das Haus zu bauen. Es war eine Frage von Ressourcen, sprich: Stehen ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung, um eine Siedlung zu bauen? Es wurde eine Siedlungsgenossenschaft gegründet, in die man einzahlen konnte. Mit dieser Geschäftsform wurde also versucht, Gelder zu akquirieren, aber das hat nicht funktioniert. Es ist also in erster Linie an finanziellen Fragen gescheitert. Was am Ende von der Idee einer ganzen Siedlung übrigblieb, ist dieses Einfamilienhaus für die bürgerliche Kleinfamilie, also Eltern und zwei oder drei Kinder, ohne Personal für den Haushalt.

Was ist heute nach 100 Jahren über die Stadt Weimar hinaus das Erbe der Bauhaus-Ausstellung und des Musterhauses Am Horn?

Das schönste Erbe ist, dass man sich in einer Kleinstadt wie Weimar getraut hat, ein Haus mit Flachdach zu bauen (lacht). Das mag uns heute als eine Kleinigkeit erscheinen, aber das war damals schon sehr mutig! 
Aber insgesamt betrachtet: Das Großartige am Bauhaus – vor allem am frühen Bauhaus – ist, dass es Menschen gab, die solche Ideen einfach umsetzten. Es kam zwar erst unter Druck zu solch einer öffentlichen Ausstellung – aber dann ging man eben auch in die Vollen, zeigte die ganze Bandbreite: eine Architektur-Ausstellung mit internationalen Entwürfen; dazu das Eigene mit ausgestellten Schülerarbeiten; und ein Haus-Konzept oder „Musterhaus“ wie das Haus Am Horn. Vielleicht kann man daraus heute lernen: Man muss auch versuchen, seine Ideale tatsächlich umzusetzen, sich nicht aufhalten zu lassen, weil jemand sagt: „Das ist noch nicht fertig“. Diesen Mut, damit nach außen zu gehen, finde ich persönlich großartig. So eine Vision fehlt heute manchmal: Dem Publikum auch etwas zumuten, das vielleicht noch nicht „fertig“ ist. Sich korrigieren, sich revidieren, eben auch lernen – das, was eine Schule nun mal ausmacht. Das Bauhaus ist für mich gelebte Fehlerkultur.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Ackermann.

Die Fragen stellte Frank Kaltofen.

Ute Ackermann ist Kustodin für Bauhaus und Moderne von 1919 bis 1945 bei der Klassik Stiftung Weimar. Die promovierte Kunsthistorikerin ist auf das Weimarer Bauhaus spezialisiert und Mitglied des Kuratorenteams am 
Weimarer Bauhaus-Museum.
 

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