„Sich der Herausforderung Kohleausstieg stellen“

Wie kann man den Strukturwandel aktiv gestalten? Dieser Frage geht das Creative Lab „Kohle Ideen“ in Zeitz nach. Wir sprachen mit dem Projektmanager Till Hasbach vom Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes.

(Foto: Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes)

MdM: Herr Hasbach, wie kam die Entscheidung zum Standort Zeitz für den Creative Lab „Kohle Ideen“ zustande?

TILL HASBACH: Aus Erfahrung ist es so, dass in Krisen der Mut zur Veränderung wächst. Betrachtet man die Entwicklung der letzten 50 Jahre der Stadt Zeitz erst durch die Wiedervereinigung 1990 und dann durch den Ausstieg aus der Braunkohle bis 2038, wird klar, dass Veränderungen zwangsläufig passieren und es hier ohne neue Lösungen nicht geht. Doch im Mitteldeutschen Revier und insbesondere auch in Zeitz gibt es zahlreiche Initiativen, die sich der Herausforderung Kohleausstieg stellen. Wir spüren aus der Stadtverwaltung und den Landesministerien, aber auch aus Unternehmen und von Bürger*innen, mit denen wir im Vorfeld gesprochen haben, die Bereitschaft und die Lust, sich auf neue Dinge einzulassen. Den bestehenden Projekten wollen wir im Creative Lab eine Bühne geben; zeigen, was bereits vor Ort passiert. Gleichzeitig hoffen wir, einen kleinen Impuls aus der Kultur- und Kreativwirtschaft zu setzen: Wir wollen erlebbar machen, wie Kultur- und Kreativwirtschaft dazu beitragen kann, den Strukturwandel zu gestalten, schnell Ideen voranzubringen und vielleicht sogar neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wichtig ist uns hierbei jedoch, dass das Creative Lab zwar in Zeitz sein Hauptquartier aufgeschlagen hat, es uns aber darum geht, Projekte zu unterstützen, die übergreifende Erkenntnisse und Ideen für die Gestaltung des Strukturwandels liefern, die für jede Braunkohleregion gelten könnten.

Das Creative Lab richtet sich nicht nur an Personen aus Forschung, Industrie sowie Kultur- und Kreativwirtschaft, sondern auch an Bürger*innen. Wie kann man sich als Einzelperson beteiligen?

Wir starten im Mai mit der Ausschreibung für die Projekte des Creative Labs „Kohle Ideen“. Dies bedeutet, dass –vier bis sechs Teams gesucht werden und je nach Teamgröße über zwei Monate mit Honorar- und Sachmitteln, Coaching durch kreative Unternehmer*innen, einen Arbeitsplatz und eine Unterbringung in Zeitz unterstützt werden. Wenn jetzt Einzelpersonen, egal mit welchem beruflichen Hintergrund, eine Idee, ein Start-up oder ein Projekt haben, welches den Strukturwandel in der Region positiv prägen soll, dann können auch diese sich auf die Ausschreibung bewerben. Zusätzlich wird es den Sommer über in Zeitz an unterschiedlichen Orten Veranstaltungen, Workshops, Netzwerktreffen und Austauschabende zum Thema der Gestaltung des Strukturwandels geben: Diese sind natürlich offen für alle Bürger*innen.

Welche Erfolgsgeschichten, aber auch Fehlererfahrungen können aus dem ersten Creative Lab zur COVID-19-Pandemie für dieses zweite Creative Lab mitgenommen werden?

Das wichtigste Learning aus dem Creative Lab #1 ist es, das Lab selbst als Experiment zu begreifen. Wir haben zum Beispiel neue, ergebnisoffene Strukturen ausprobiert, in denen die unterstützten Teams ihre Ziele im Laufe des Projekts anpassen konnten. Wir haben eine Ausstellung im 3-D-Raum entwickelt, von der wir nicht wussten, ob diese überhaupt für die meisten Zuschauer*innen zugänglich sein würde. Und wir haben mithilfe von Design Fiction Zukunftsszenarien für eine Post-Corona-Welt entworfen, um dann alle Energie zu bündeln, diese Szenarien durch die Projekte im Lab mit Leben zu füllen. Unsere Vorstellung der Welt von „Übermorgen“ kann man übrigens im gleichnamigen Podcast anhören.
Nicht alle diese Experimente liefen an jeder Stelle wie geplant und doch ist es genau das, was ein Lab(or) ausmacht: Sich im Sinne der Eigenbetrachtung selbst als Forschungsgegenstand zu begreifen. Zum Creative Lab #1 haben wir eine Case Study herausgebracht, die spezifisch auf die einzelnen Punkte eingeht. Fokus im Lab #2 wird eine noch stärkere Umsetzung sein. Also im Machen denken, am Prototypen lernen, iterativ arbeiten, ohne im Vorfeld alles perfekt geplant zu haben. Denn es kommt am Ende sowieso immer anders als geplant.

„Das Lab selbst als Experiment begreifen“

Projektmanager Till Hasbach ist gespannt auf innovative Projekte im neuen Creative Lab in Zeitz.

(Foto: Thomas Leidig)

Ende April 2021 startete die deutschlandweite Ausschreibung für die „Zeitz Residencies“, bei denen die Projektteams an ihren Ideen für den Strukturwandel arbeiten. Welche Perspektiven sehen Sie für diese zweite Projektphase?

Wir sind selbst wahnsinnig gespannt, welche Projekte, Initiativen und Akteur*innen sich auf die Ausschreibung bewerben. Wir hoffen, dass besonders Teams aus Sachsen-Anhalt und aus den anliegenden Bundesländern ein intrinsisches Interesse haben, ihre Region zu gestalten. Aber wir glauben auch, dass durch einen bundesweiten Aufruf interessante Impulse hinzukommen können, – also durch ein bis zwei Teams, die aus ganz anderen Regionen kommen. Wir wollen die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass diese Teams sich zu 100 % auf die Umsetzung ihrer Ideen fokussieren können und sich idealerweise auch gegenseitig befruchten.

Wie kann man sich die tägliche Arbeit im Projekt vorstellen? Konkret gefragt: Wer arbeitet wie und mit wem, an was?

Unser Wunsch ist es, alle Teams nach Zeitz zu holen und dort in der ehemaligen Nudelfabrik einzuquartieren. Hier haben sie dann 10 Wochen Zeit, um ihre Projekte umsetzen. Der Tagesablauf der Teams wird dann so unterschiedlich sein, wie der Tagesablauf von Unternehmer*innen eben ist. Das kann zum Beispiel die Arbeit einer Programmiererin sein, die eine App entwickelt, um ein neues touristisches Leitsystem für die Region zu gestalten. Oder ein Team, welches ein leerstehendes Fabrikgebäude zu einem Kaufhaus für upgecycelte Projekte umbaut. Oder ein Team, welches eine Kampagne für die Standortfaktoren im Mitteldeutschen Revier entwickelt, um neue Fachkräfte anzulocken. Zentral ist dabei immer die Frage: Wie schafft es dieses Projekt, sich eines Problems des Strukturwandels in den Braunkohleregionen anzunehmen oder eine Nische, die bisher noch niemand als solche war genommen hat, zu besetzen.

Welchen Mehrwert können die teilnehmenden Institutionen und Akteure aus dem Projekt nehmen? 

Wir bieten den Institutionen die Möglichkeit, ganz nah am Experiment des Creative Lab „Kohle Ideen“ zu sein. Quasi den Prozess zu begleiten und dabei für die eigenen Innovationsteams Methoden und kultur- und kreativwirtschaftliche Ansätze rauszuziehen. Zusätzlich schaffen wir für die beteiligten Institutionen eine Bühne, sich mit ihren Ideen und Projekten in das Creative Lab einzuschreiben. Dies bringt auf der einen Seite Aufmerksamkeit und ist auf der anderen Seite eine tolle Möglichkeit, über die Plattform, die wir bieten, in einem so vielfältigen Netzwerk auf Menschen zu treffen, die unterschiedlichste Fähigkeiten mitbringen, aber durch ein gemeinsames Ziel verbunden sind: Nämlich den Strukturwandel so positiv wie möglich zu gestalten. Im Gegenzug helfen uns die Partner*innen bei der Auswahl der „Zeitz Residencies“ und bringen sich mit ihrer Expertise ein, wenn es um das Coaching und eine fachliche Unterstützung der Projekte geht. 

Wie wird die Öffentlichkeit über Arbeit und die Arbeitsergebnisse des Creative Lab informiert bzw. daran beteiligt werden?

Über unsere Social-Media-Kanäle – Facebook und Instagram, LinkedIn, Twitter – werden wir besonders verstärkt in den beiden Umsetzungsmonaten Juli und August Einblicke in die Arbeit der Teams des Creative Labs geben. Über die parallel laufenden Veranstaltungen und Workshops kann man sich auf unsere Webseite www.kreativ-bund.de informieren. Hier freuen wir uns sehr, wenn Bürger*innen aus der Region teilnehmen oder selbst Vorschläge und Initiativen haben, die sie auf der Plattform des Labs einbringen wollen! Denn wir glauben: Nur gemeinsam und nur mit dem Wissen und dem Engagement der Menschen aus der Region selbst können wir neue Perspektiven für die Gestaltung des Strukturwandels in der Region schaffen.
 

Die Fragen stellten David Leuenberger und Frank Kaltofen (Redaktion Mitteldeutsches Magazin).

Till Hasbach

arbeitet seit Ende 2018 beim Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes und ist für die Konzeption von Workshops, neuen Formaten und Maßnahmen zur Sichtbarmachung der Kultur- und Kreativwirtschaft verantwortlich. Seit 2020 gehört dazu auch die Entwicklung von Creative Labs, die sich mit der Gestaltung von Zukünften für Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigen.

Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes

ist Teil der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung. In innovativen Formaten bringt es regelmäßig Unternehmer*innen aus verschiedenen Branchen zusammen, um kultur- und kreativwirtschaftliche Ansätze zur Gestaltung von Zukunft und Transformation zu nutzen. Das Creative Lab ist Teil des Angebots Entwicklung & Innovation.

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