Flurnamen Tiere

Sprachrelikte einer wilden Kulturlandschaft

Von dürren Löwen und Wölfen, die Schuhe tragen: Die Kolumne in unserem Kulturressort beleuchtet die Bedeutungen und Geschichte(n) hinter landschaftlichen Bezeichnungen in Mitteldeutschland.

 

von Barbara Aehnlich und David Brosius


(Foto: Flurnamen-Belegzettel / © Thüringisches Flurnamenarchiv)

Wer heute durch Mitteldeutschland wandert, begegnet einer geordneten Kulturlandschaft mit Feldern, lichten Wäldern und ausgebauten Wegen. Doch hinter vielen Namen, die diese Landschaft strukturieren, liegt noch eine andere Zeit verborgen. Sie erzählen von einer Epoche, in der die Region dichter bewaldet war, in der Wildtiere zahlreicher vorkamen als heute und in welcher der Mensch weit unmittelbarer mit seiner Umwelt verbunden war. 

Flurnamen – die Bezeichnungen kleinräumiger Landschaftsteile wie Hügel, Täler, Bäche, Wälder oder Felder – wirken wie sprachliche Archive. Über Generationen hinweg wurden sie mündlich weitergegeben und unmittelbar von der ländlichen Bevölkerung geprägt, die sich mit ihrer Hilfe in der Natur- und Kulturlandschaft orientierte. Dass viele dieser Namen Tiere erwähnen, ist daher kein Zufall. Flurnamen bewahren Erinnerungen an eine Zeit, in der Begegnungen mit (Wild-)Tieren noch Teil des Alltags vieler Menschen waren.

Tierische Spuren in der Flur

Zahlreiche solcher Flurnamen mit Tierbezug gehen auf konkrete Beobachtungen zurück oder markieren das Vorkommen bestimmter Arten. Für bäuerliche Gemeinschaften hatten solche Hinweise einen praktischen Wert: Sie konnten auf Gefahren, Jagdmöglichkeiten oder besondere Eigenschaften eines Ortes aufmerksam machen. Im ganzen mitteldeutschen Raum – und natürlich auch darüber hinaus – finden sich daher sprechende Namen wie Fuchsjagd oder Hasenjagd, Hirschgrund oder Eberswinkel. Im thüringischen Stedtfeld erinnert der Name Flüchtiger Hirsch hingegen an ein wohl spektakuläres Entkommen eines Tieres, das offenbar genug Eindruck hinterließ, um im Gedächtnis der Dorfgemeinschaft zu bleiben. 

Auch der historisch verbreitete Vogelfang hat in der Toponymie seine Spuren hinterlassen. Bei einer häufig praktizierten Jagdform wurde ein vorbereiteter Platz, in der Jägersprache Herd genannt, mit Futter bestreut und mit Netzen überspannt. Die Vögel konnten nach dem Landen nicht mehr entkommen. Namen wie Vogelherd, Vogelsperre oder Vogelsberg verweisen noch heute auf diese Technik. Auch an anderer Stelle hat der historische Vogelfang deutliche sprachliche Spuren hinterlassen. So wurden mitunter Artgenossen als lebende Attraktion eingesetzt, um weiteres Federwild anzulocken – eine Praxis, von der sich übrigens die Bezeichnung ‚Lockvogel‘ herleitet. 

Neben der Jagd für Vergnügen oder Nahrungsbeschaffung spielte auch die Bedrohung durch Wildtiere eine Rolle. Der Wolf, über Jahrhunderte hinweg gefürchteter Konkurrent des Menschen, lebt weiter in Flurnamen wie dem Grauen Wolf bei Großpörthen im Burgenlandkreis oder dem Wolfswinkel von Schmiedehausen im Weimarer Land. Die Wolfssäule von Hüpstedt im Landkreis Eichsfeld markiert den Ort, an dem der letzte Wolf der Umgebung erlegt wurde.

Ebenso präsent ist der Bär: Allein im sächsischen Erzgebirge finden sich etwa Bärengrund bei Niederpfannenstiel, Bärenwinkel und Bärenloch bei Kühnhaide, Bärenfang bei Ansprung, Bärenfels bei Kipsdorf und Bärenloh bei Hammerunterwiesenthal.

Doch nicht nur Wildtiere prägten das Namengut, auch die Haltung von Nutztieren, oft in halbwilden oder waldnahen Kontexten, fand Eingang in die Flurnamen. Bei der Waldweide, auch Hutung genannt, wurde das Vieh etwa in den Wald getrieben, wo es sich selbst seine Nahrung suchen musste. Flurnamen wie Saubusch im thüringischen Menteroda erinnern oftmals an die Schweine, die im Herbst in Eichenwälder geführt wurden, um sich an den Eicheln zu nähren. Im Schafholz bei Döbeln (Landkreis Mittelsachsen) durften hingegen zeitweise über 700 Schafe weiden. Andere Namen verweisen auf öffentlich zugängliche Wasserstellen, an denen die Tiere vor der Schur gewaschen oder getränkt wurden, etwa Schafteich, Schafwäsche oder Schaftümpel. Flurnamen mit dem Bestimmungswort Hühner- wie der Hühnerberg an der Flurgrenze zwischen Bucha und Schorba im Saale-Holzland-Kreis beziehen sich auf Wildhühner, wobei in Dorfnähe auch eine Benennung nach Haustieren in Betracht zu ziehen ist. 

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Auch die historische Form der Bienenhaltung, die Zeidlerei, hat ihre sprachlichen Relikte hinterlassen: Im 12. und 13. Jahrhundert wurden künstliche Baumhöhlen angelegt, sogenannte Beuten, in denen sich wilde Bienenvölker ansiedeln sollten. Die Flurnamen Beuten in Raila (Saalburg-Ebersdorf) und Liebschütz (Saale-Orla-Kreis) könnten auf diese längst vergessene Praxis zurückgehen. Außerdem begegnen uns im gesamten mitteldeutschen Raum Namen wie Biene, Bienenleite oder Zeidelwiese, die ebenfalls auf die Honiggewinnung verweisen.

Zwischen Metapher und Missverständnis

Doch nicht jeder tierische Name führt tatsächlich zu einem Tier. Manche Bezeichnungen sind metaphorisch zu verstehen oder durch volksetymologische Entwicklungen verzerrt. Katzen- und Hundebezeichnungen können in Flurnamen oft „geringwertig“ bedeuten: Ein Katzentümpel oder eine Hundsleite stehen daher eher für schlechte Wasserqualität oder kargen Boden als für tatsächliche Tierbeobachtungen. Bei einem Hahnegebind verweist der vermeintliche „Hahn“ hingegen eher auf das alte Wort Hain für Wald, während Gebind ein eingezäuntes Grundstück bezeichnet. Auch die in Mitteldeutschland weit verbreiteten Entenpläne haben nicht immer mit Enten zu tun. Vielmehr kam es vor, dass das Wort „Wenden“, ein historischer Begriff für slawische Bevölkerungsgruppen, zu „Enten“ umgedeutet wurde. Ein Entenplan konnte somit der Siedlungsplatz slawischer Bewohner am Dorfrand gewesen sein, etwa in Kahla im Saale-Holzland-Kreis.

Manche Flurnamen bleiben dennoch rätselhaft. Der Wolfsschuh in Obermehler im Unstrut-Hainich-Kreis ist selbst für Fachleute schwer zu erklären. Eine populäre Deutung sieht in der Geländemulde die Form einer Wolfstatze, doch warum ausgerechnet das Wort „Schuh“ gewählt wurde, ist bis heute ungeklärt. Der Dürre Löwe von Kaltennordheim in der Rhön bietet gleich mehrere Lesarten: Er könnte unfruchtbaren Boden bezeichnen, auf einen Familiennamen zurückgehen oder eine mundartlich veränderte Mühlenbezeichnung darstellen.

Eine Fährte aus Worten

Flurnamen mit Tierbezug bewahren Erfahrungen von Gefahr und Nutzen, von Jagd und Viehzucht, von Konflikt und Zusammenleben. Sie zeigen, wie eng das Verhältnis zwischen Mensch und Landschaft einst war und wie sehr Sprache diese Verbindung über Jahrhunderte hinweg festhält. 

Tierische Flurnamen Mitteldeutschlands sind weit mehr als Kuriositäten am Wegesrand: Sie dokumentieren frühere Lebensumstände, Wahrnehmungen und Begegnungen zwischen Mensch und Natur. Gleichzeitig machen sie deutlich, wie wandelbar Sprache ist und wie sehr sich Bedeutungen über die Jahrhunderte verschieben können. Wer heute durch Wolfswinkel, Entenplan oder Saubusch wandert, bewegt sich nicht nur durch eine Landschaft, sondern durch ein Geflecht aus Erinnerungen und Geschichten – ein sprachliches Echo des wilden Mitteldeutschlands. Wer Flurnamen zu lesen versteht, folgt einer Fährte aus Worten, zurück in eine ungezähmte Vergangenheit.

PD Dr. phil. Barbara Aehnlich (Universität Bremen) und David Brosius (Heimatbund Thüringen e.V.) betreuen gemeinsam das Thüringische Flurnamenportal. Angesiedelt ist das Projekt beim Heimatbund Thüringen e.V. 

In Thüringen wurde die Flurnamenforschung 2024 auf die Landesliste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Zum Weiterlesen: 

Barbara Aehnlich: Vom Hornissenberg zum Ziegenfraß – Tiere als Erstglied in Flurnamen. In: Flurnamenreport 3-4/2008, S. 1–3.

Für etymologische Hintergründe zu deutschen Tierbezeichnungen lohnt sich zudem ein Blick in das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) unter www.dwds.de.

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