Das Völkerschlacht-Denkmal zu Leipzig.

Wir Lebensweltbewohner – Gedanken zum Wirken Hans Blumenbergs

von Martin Repohl
 

(Foto: Gießener Anzeiger)

Der „unsichtbare Philosoph“: Blumenberg galt als überaus öffentlichkeitsscheu, was teils hämisch, teils ehrfürchtig zur Kenntnis genommen wurde. Als Professor für Philosophie an der Universität Münster hat er sich nicht in öffentliche Debatten eingemischt und er hat auch keine eigene Schule, kein schulenfähiges Dogma hinterlassen. Werke wie Arbeit am Mythos, Schiffbruch mit Zuschauer und Die Lesbarkeit der Welt gehören dennoch unzweifelhaft zum philosophischen Kanon und finden auch über ein Fachpublikum hinaus viele faszinierte Leser, vielleicht auch, weil Blumenbergs Texte gemeinhin als schwierig gelten – was in philosophischen Kreisen eine Wertschätzung ganz eigener Art ausdrückt. 
Zum 25. Todestag in diesem wie auch zum 100. Geburtstag im letzten Jahr scheint sich ein Interesse an seinen Arbeiten zu entwickeln, das weit über den bisher eingeweihten Kreis hinausreicht. Blumenberg gilt als unangepasst, als Autor „philosophischer Abenteuerromane“ und so ist es heute vielleicht auch ein bisschen „cool“, seine Schriften zu lesen, selbst wenn sich die erhoffte Erkenntnis aufgrund der vermeintlichen Sperrigkeit seiner Arbeiten nur punktuell einzustellen vermag. Auch bieten seine Werke keinen Trost, weisen nicht den Weg zu einer Utopie und sie decken auch nicht die geheimen Logiken des Kapitalismus auf. Also warum lohnt eine Lektüre? Was können seine Arbeiten noch heute sagen?
Blumenbergs Denken bestand in Verkomplizierungen, in Umwegen, in Nachdenklichkeiten und in einer analytischen Poesie, die der Sprache selbst eine epistemische Kraft zubilligte. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die vielfältigen Themen seiner Werke – von der Metaphorologie, über die Phänomenologie bis hin zur philosophischen Raumfahrt – immer wieder auf eines zurückkommen: den Menschen. Seine Werke sind philosophische Abenteuerromane, gerade weil man in ihnen das ganze Schauspiel, das ganze Drama und das ganze Dilemma menschlicher Existenz in einer Weise vor Augen geführt bekommt, die nicht nur fasziniert, sondern die auch erschüttern kann – und damit eine Bannkraft entfaltet, die die Komplexität seiner Argumentation anziehend, ja attraktiv macht. Dabei stellt sich vor allem ein Gefühl ein: Von Blumenberg kann man etwas lernen. Und was das ist, das findet sich wohl am besten unter dem Begriff der Lebenswelt beschrieben.

Blumenberg und die Lebenswelt
Blumenberg war nicht nur Sprachkünstler und Metaphorologe, er war vor allem von seinen frühsten Anfängen an Phänomenologe. Diese Prägung wird oft übersehen, womit leider auch unerkannt bleibt, dass Blumenbergs phänomenologische Schriften – die den größten Teil seiner umfangreichen Nachlasspublikationen ausmachen – einen wirklichen philosophischen Schatz bilden, der noch weitgehend ungehoben ist. 

„Der Mensch schafft sich durch sein Handeln eine Welt, über die er gerade nicht nachdenken muss“

Im Zentrum seiner Beschäftigung mit der Phänomenologie steht der Begriff der Lebenswelt. Eine Begriffsbildung von Edmund Husserl, die mehr fasziniert, als dass sie wirklich verstanden wird. Die Lebenswelt ist seiner Prägung nach ein „Universum der selbstverständlichsten Selbstverständlichkeiten“, sie bildet einen Erfahrungszusammenhang, in dem alles fraglos, also selbstverständlich gegeben ist.
Blumenbergs Arbeiten kreisen um diesen Begriff, sie sind Früchte einer jahrzehntelangen Exegese, die in dieser Form wohl einzigartig ist. Denn was Blumenberg darin erblickt, ist das analytische Potential eines Begriffs, der das ganze Dilemma menschlicher Existenz auf den Punkt zu bringen vermag. Menschen sind vor allem eins, sie sind Lebensweltbewohner. Das heißt, menschliche Existenz strebt danach, sich Welt- und Erfahrungszusammenhänge zu bilden, die verlässlich, also berechenbar und bekannt und damit fraglos gegeben sind. Der Mensch schafft sich durch sein Handeln eine Welt, über die er gerade nicht nachdenken muss, wie er dies z.B. an den Automatismen einer technisierten Lebenswelt verdeutlicht. Der Clou an Blumenbergs philosophischer Anthropologie ist aber gerade nun die Tatsache, dass dem Menschen dies eben nicht zu gelingen vermag. Denn Selbstverständlichkeiten sind fragil; die Frage nach der Lebenswelt zielt also auf einen Zustand, der bereits verlassen – ja zerstört – ist und dessen Restitution zwar im Gang befindlich, aber niemals vollständig sein kann. Und so kommt Blumenberg zu einer wohl unübertroffenen Feststellung: „Wir denken, weil wir dabei gestört wurden, nicht zu denken“. Man muss diesen Satz wirken lassen, um seine Tragweite zu erkennen, denn was hier angesprochen wird, ist nichts Geringeres als der Kern des menschlichen Dilemmas. Das Denken zielt auf die Herstellung eines Zustandes des Nicht-mehr-denken-Müssens; das Denken-Müssen arbeitet immer schon an seiner eigenen Aufhebung – womit die gesamte Tätigkeit des menschlichen Welteinrichtens als eine zirkuläre und eben nicht als eine teleologische Prozessualität erscheint. Und ja, auch Theorien können Lebenswelten sein.

Die Problematik menschlicher Exiszenz erfahrbar machen
Blumenbergs Lebenswelttheorie ist noch komplizierter, noch sperriger und komplexer als seine zu Lebzeiten veröffentlichten Schriften. Aber eine Lektüre lohnt sich, denn was hier letztlich angesprochen wird, sind die Möglichkeiten menschlicher Existenz – von ihren Grenzen her gedacht. Denn was Blumenberg mit diesem Begriff leisten möchte, ist gerade nicht die Beschreibung des Bezeichneten selbst, sondern Erfahrungen der Annäherungen, der Aneignung und des Verlustes von Zuständen, in denen die Existenz nicht mehr ihrer eigenen Selbstvergewisserung bedarf. Diese Überlegungen sind kompliziert und komplex, aber sie werden von einer Empathie getragen, die nicht der Hybris verfällt, eine Beschreibung des Menschen geben zu wollen – auch wenn Blumenberg seine Anthropologie so genannt hat – sondern die die Problematik menschlicher Existenz selbst erfahrbar machen möchte. Und so gehört auch diese Einsicht zur Theorie der Lebenswelt: Eine Lebenswelt muss keine lebenswerte Welt sein, womit auch hier eine Unterscheidung getroffen wird, deren Aktualität geradezu deprimieren kann.
Aber Blumenbergs Werk ist nicht aktuell, auch wenn es die Diskussion gerade nahelegt, es ist zeitlos. Daher taugt es wenig für Dogmatiker und Schulenbegründer, denn diese Werke entfalten nur dann ihre ganze analytische Poesie, wenn das Gelesene selbst weitergedacht, wenn es selbstgedacht, statt nur konsumiert wird. Wir alle sind Lebensweltbewohner, unsere Existenz ist prekär und unabgeschlossen und so ist das Denken – auch mit Blumenbergs Werken – eine Bürde, es ist aber auch ein Wagnis, mit dem wir immer neu beginnen dürfen – und ja, müssen.

Der Autor

Martin Repohl hat in Jena und Leipzig Soziologie und Politikwissenschaft studiert. Er promoviert derzeit am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt bei Prof. Dr. Hartmut Rosa und befasst sich im Rahmen seiner Forschung unter anderem mit dem Wirken von Hans Blumenberg.

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