Jugend fürs Hörspiel begeistern

Das medienpädagogische Team des Leipziger Hörspielsommers widmet sein Engagement den jüngsten Hörspiel-Machenden. Für den Kinder- und Jugendhörspielwettbewerb betreut es die Nachwuchsjury 2021 bereits in der sechsten Runde.

von Jana Berthold

Der Leipziger Hörspielsommer e. V. veranstaltet seit 19 Jahren das bundesweit größte Hörspielfestival, den Leipziger Hörspielsommer. Das Team Medienpädagogik konzentriert sich auf die Wissensvermittlung an Kinder und Jugendliche und hat dafür 2015 eine Kinderjury ins Leben gerufen. Diese bewertet die eingereichten Hörspiele des Kinder- und Jugendwettbewerbs. Ziel der Medienpädagog*innen ist es, Kindern Bewertungskompetenzen nach fachlichen Kriterien zu vermitteln.

Eingebettet in den Hörspielkontext wird neben der Unterscheidung von hörspielrelevanten und persönlichen Einschätzungen zusätzlich die mediale Kompetenz gestärkt. Die Kinder sollen dazu befähigt werden, das gewonnene Wissen auch in andere Lebensbereiche zu übertragen, um beispielsweise fachliche Einschätzungen von Meinungsäußerungen zu unterscheiden. Die Arbeit des Hörspielsommers mit der neuen Generation von Hörspielmachenden wurde bisher zwei Mal von der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien mit dem medienpädagogischen Preis geehrt.

Der Ablauf ist klar umrissen: Die Jury beurteilt eingereichte Hörspiele nach abgestimmten Kriterien. Anschließend bestimmt sie das Gewinnerstück und moderiert selbst den Kinder- und Jugendhörspielwettbewerb auf dem Hörspielsommer-Festival. Zur Vorbereitung der jungen Juror*innen werden im Vorfeld zwei Workshops ausgerichtet: Im Frühjahr gibt es einen Theorie- und Bewertungsworkshop und wenige Tage vor dem Festival einen Workshop zur Vorbereitung der Moderation und Preisverleihung auf der Festivalwiese.

Die junge Generation an Hörspiele heranführen

Warum die drei Medienpädagoginnen des Vereins diese Aufgabe ehrenamtlich angehen, ist für sie selbstverständlich: Sie möchten die junge Generation an das Thema Hörspiel heranführen. Vom passiven Konsum hin zu einem aktiven Umgang mit dem Medium.

Marie bereitet die Workshop-Arbeit viel Freude, denn da die Teilnahme freiwillig ist, gibt es vom ersten Moment an eine große Bereitschaft und viel Engagement unter den Jury-Teilnehmenden. Anna hat Kultur- und Medienpädagogik studiert und kann mit der Arbeit beim Hörspielsommer die Theorie mit der Praxis verbinden. „So kommt man mal in eine andere Rolle und erhält einen neuen Blick auf das Medium Hörspiel“, reflektiert sie. „Den Kindern bewusstmachen, was ein Hörspiel ist, was Geräusche auslösen können und welche Technik für die Umsetzung gebraucht wird – das ist zwar schwierig, aber auch schön zu sehen, wie mithilfe von Workshops das Fachwissen vermittelt wird und dann den Erfolg auf der Bühne zu sehen.“

Bis zu zehn Kinder im Alter zwischen 8 und 14 Jahren melden sich jedes Jahr zur Kinder- und Jugendjury an. 2021 war der Ablauf aufgrund der digitalen Umsetzung eine große Herausforderung: Bestehende Konzepte mussten komplett neu gedacht und eine gewisse Interaktivität am Bildschirm sichergestellt werden, damit die Kids am Ball blieben.

Die Kinder- und Jugendjury des Jahres 2021: Beim Hörspielsommer moderieren die jungen Juror*innen selbst den Kinder- und Jugendhörspielwettbewerb

Marie, Clara und Anna haben fünfzig Stunden allein in die Vorbereitung der digitalen Workshop-Variante investiert. Vorab hatten die drei Medienpädagoginnen Hörspielsommer-Pakete an die Jurykinder gesandt – in Zeiten von Distanz ein verbindendes Element für alle Beteiligten. Mit den Paketen erhielten die Kinder ihr Workshop-Material für den digitalen Termin: Spielfiguren, Bewertungsbögen für die Jury-Entscheidungen, Würfel und Snacks zum Durchhalten. Teambildende Maßnahmen aus der Entfernung, so gut es die Bedingungen zuließen.

In den Präsenz-Workshops der Vorjahre gestaltete sich die Kompetenzvermittlung deutlich einfacher. Die Kinder kamen leichter in die Diskussion über die Wettbewerbsstücke und konnten dadurch die Bewertungskriterien schneller verinnerlichen. „Das war in dem digitalen Format schwieriger“, resümiert Anna. Der Aufbau der digitalen Variante hat die drei Frauen herausgefordert. Mehr spielerische Elemente, viele Pausen und eine kleinteiligere Vermittlung der Inhalte waren notwendig, um die Aufmerksamkeit und die Lust an der Juryarbeit über zwei Tage am PC aufrechtzuerhalten.

Zu Beginn lernten die Kinder mögliche Hörspielformate vom klassischen Hörspiel über Feature und Reportagen oder experimentelle Stücke mit vielen Effekten kennen. „Man fängt immer bei null an. Wir können keine Kenntnisse zu Hörspielen voraussetzen“, sagt Marie. Hörspielrelevante Kriterien für die Jury-Arbeit teilten die Medienpädagoginnen in die vier Kategorien ein: Stimme & Stimmung, Geschichte & Titel, Technik sowie Musik & Geräusche. In kurzweiligen Übungen lernten die Jurykinder, wie die einzelnen Bewertungskategorien zu verstehen und einzuschätzen sind. Dabei kamen die Figuren und Würfel aus den Hörspielsommer-Paketen intensiv zum Einsatz.

Ergebnisse des Workshops waren ein Gewinnerstück nach Punktesystem und ein Stück, das die lobende Erwähnung erhielt. Letzteres durften die Kinder nach eigenem Bauchgefühl bestimmen. Dank zweier Bewertungskonzepte wurden die Kinder auch mit ihrer persönlichen Sichtweise wahrgenommen und das Verständnis für die Unterscheidung zwischen den Bewertungsformaten „Jurymitglied“ und „individuelle Meinung“ gefestigt.

Neben der lobenden Erwähnung kam in diesem Jahr eine dritte Kategorie hinzu: Der vierjährige Emil aus Stuttgart gewann als jüngster Hörspielmacher den Ehrenpreis. Die Kinder der Jury waren von seiner Umsetzung so beeindruckt, dass eine Sonderkategorie her musste. Alle Nachwuchsjuror*innen erkannten, wie besonders Emils Leistung war und wollten seinen Einsatz honorieren.

Eine Woche vor dem Festival gab es den zweiten Workshop zur Vorbereitung der Moderation des Kinder- und Jugendhörspielwettbewerbs auf dem Hörspielsommer-Festival. Die Medienpädagoginnen zeigten den Jurykindern, was bei der Präsentation auf der Bühne wichtig ist. Die Kinder erarbeiteten die Moderationstexte selbst, planten Interviews mit den Hörspielmachenden und probten den Durchlauf.

Was sagen die Kinder zu ihrer Jury-Erfahrung?

Wendel (12 Jahre) und Fabienne (14 Jahre) sind sich einig, dass die qualitative Bewertung der Stücke anhand von fachlichen Kategorien einfacher sei, als nach persönlichem Geschmack zu entscheiden. Mit den vier vorgegebenen Kategorien hätten sie eine bessere Übersicht auf das große Ganze erhalten und konnten besser nachvollziehen, in welchen Bereichen ein Stück gut sei. Fabienne sagt außerdem, ihr helfe die Bühnenarbeit als Vorbereitung für Vorträge in der Schule. Die zehnjährige Greta meint, die Workshops unterstützen sie, selbstbewusster aufzutreten – schließlich hätten sich die Kids die Moderationstexte selbst ausgedacht und vor Publikum vorgetragen.

Hören die Kinder Hörspiele seit der Juryarbeit anders als vorher? Fabienne resümiert: „Auf jeden Fall! Ich habe danach Hörspiele mit dem Bewertungsbogen nochmal angehört und auf Professionalität überprüft.“ „Man bildet seine eigene Jury für Hörspiele“, fügt Wendel hinzu. Hugo möchte nächstes Jahr wieder dabei sein. Seine Erfahrung aus diesem Jahr helfe ihm bestimmt weiter, ist der Zehnjährige überzeugt.

Wie sieht die Zukunft der jungen Juryarbeit aus?

Eine hybride Variante des Workshops wäre möglich. Das bedeutet viel Aufwand für Marie, Anna und Clara. Mit dem erprobten digitalen Konzept könnte die Workshop-Arbeit auf Orte außerhalb Leipzigs erweitert werden und mehr Kindern auf spielerische Weise Medienkompetenz vermittelt werden. Der in diesem Jahr für seine besondere Leistung ausgezeichnete Emil plant bereits, sein zweites Hörspiel im nächsten Jahr zum Wettbewerb einzureichen. Der Inhalt bleibt vorerst geheim.


(Fotos: Leipziger Hörspielsommer | Cäcilie Schneider)

Weitere Informationen zum Leipziger Hörspielsommer sind unter hoerspielsommer.de sowie 
hoerspielsommer-verein.de zu finden.

Die Autorin

Jana Berthold ist freiberufliche Kommunikationsberaterin für kleine und mittelständische Unternehmen. Sie studierte Japanologie, Kulturwissenschaften und Frankreichstudien an der Universität Leipzig und hat sich zehn Jahre ehrenamtlich beim Leipziger Hörspielsommer engagiert.

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