Oberhof: ein sozialistisches St. Moritz?

Ein Gespräch mit der Architektur-Historikerin Daniela Spiegel von der Hochschule Anhalt (Dessau) über die DDR-Geschichte und deren bauliches Erbe im Thüringer Wintersportort Oberhof.

 

(Foto: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0)

Trotz häufig ungewisser Schneemengen gilt Oberhof, der kleine Bergort im Thüringer Wald, bis heute als wichtiger Wintersport- und Tourismus-Standort. Dieser Status Oberhofs hat eine lange Historie, die vor allem durch die Jahrzehnte der DDR geprägt wurde, nicht zuletzt da selbst Walter Ulbricht regelmäßig dort gastierte.

Die Tagung Oberhof – Höher, schneller, weiter? will am 14. Mai die Zeitgeschichte und Zukunftsperspektiven des Ortes beleuchten. Die Architekturhistorikerin und Denkmalpflegerin Prof. Dr. Daniela Spiegel von der Hochschule Anhalt (Dessau) wird dort einen Impulsvortrag über den „Aufstieg Oberhofs zum (inter-)nationalen Erholungs- und Wintersportzentrum“ halten. In ihrer abgeschlossenen Habilitation mit dem Titel Urlaubs(t)räume des Sozialismus hat sie die Geschichte der Urlaubsarchitektur in der DDR untersucht. Wir sprachen mit ihr über den Aufstieg Oberhofs zum wichtigen Erholungs- und Wintersportzentrum und über städtebauliche Besonderheiten des Ortes:

MdM: Frau Prof. Spiegel, Sie haben sich intensiv mit Ferienarchitektur in der DDR beschäftigt – wie lässt sich Oberhof als Ort, in dem private Erholung und Spitzensport zusammenkamen, im Kontext der Erholungs- und Sportpolitik der DDR einordnen?
SPIEGEL: Oberhof zählt sicher zu den wichtigsten Erholungsorten der DDR, sowohl aus sport- und erholungspolitischer als auch rückblickend aus architekturhistorischer Sicht. Es ist auch ein sehr interessantes Beispiel für die städtebaulichen Planungsstrategien, die sich in Oberhof über alle vier Dekaden der DDR erstreckten. Oberhof war schon vor den Zweiten Weltkrieg ein bedeutender touristischer Ort gewesen, wenn auch in wesentlich geringerem Umfang. In den Planungen nach Kriegsende wurde frühzeitig beschlossen, die touristische und sportliche Nutzung des Bergortes auszubauen. Allein zwischen 1948 und 1952 hatte es drei Generalbebauungspläne gegeben, die jedoch allesamt nicht realisiert wurden.
Erst 1967 kommt dann Schwung in die Planungen, durch den Feriendienst des FDGB: Anvisiert wurde ein Ausbau der Kapazitäten von 1.000 auf zukünftig 4.500 Betten. Es sollte das zentrale Erholungs- und Wintersportzentrum der DDR etabliert werden, mit Anziehungskraft auch für die internationale Touristik. Auch das ist besonders für Oberhof – an nicht vielen anderen Orten zielte man auf eine internationale Klientel ab! Der Anstoß, dies ausgerechnet in Oberhof zu tun, geht direkt auf Walter Ulbricht zurück, dessen favorisierter Urlaubsort Oberhof war.

Oberhof sollte das „sozialistische St. Moritz“ werden. Welche Parallelen gab es tatsächlich zu dem berühmten Schweizer Ferienort?
Die Zuschreibung eines „deutschen St. Moritz“ ist schon viel älter; bereits um die Jahrhundertwende wurde der Vergleich erstmals gezogen. Mündlich überliefert, jedoch nicht schriftlich belegt ist die Aussage, Walter Ulbricht hätte aus Oberhof ein „sozialistisches St. Moritz“ machen wollen. Dies zielte wohl primär auf die touristische und internationale Bedeutung, die er seinem Lieblings-Wintersportort gern beimessen wollte. Städtebaulich-architektonisch hatten die beiden Orte nicht viel gemein. Gleichwohl gibt es ein Schweizer Vergleichsbeispiel, und zwar der ebenso mondäne, hierzulande aber weniger bekannte Erholungsort Crans-Montana im Kanton Wallis. Auch dieser Ort wurde ab Ende der 1960er massiv ausgebaut und interessanterweise zeigen die dortigen Hotelbauten erstaunliche Ähnlichkeit zu den Oberhofer Leuchtturmbauten: Das 1964 bis 1968 entstandene Hotel „Tour Super-Crans“ zeigt Verwandtschaft mit dem „Rennsteig“ und das Hotel „Crans Ambassador“, erbaut 1971 bis 1972, spielt wie das Interhotel „Panorama“ mit dem Bergspitzenmotiv.

Wurde die staatliche Lenkung in der Ausgestaltung des Erholungs- und Sportorts sichtbar?
Ja, sehr deutlich sogar, und das auf vielerlei Ebenen. Wichtig zu erwähnen sind die Anfang der 1950er Jahre erfolgten Zwangsausbürgerungen von Oberhofer Hoteliers und Pensionsbesitzer, die mit der Umwandlung des ehemals mondänen Kurortes zu einem Erholungsort für die Werktätigen nicht einverstanden waren. Deutlich wird die staatliche Lenkung dann auch Ende der 1960er bei der Planung der sogenannten „komplexen Rekonstruktion“ – so wurden städtebauliche Neuordnungen zu DDR-Zeiten genannt. Den Ausbau zu einem großen Sport- und Erholungszentrum durfte das zuständige Büro für Stadtbau des Bezirks Suhl nur unter Aufsicht mit der Experimentalwerkstatt der Bauakademie planen, die von Ulbrichts wichtigstem städtebaulichen Dirigenten, Hermann Henselmann, geleitet wurde. Nur so erklärt sich die Extravaganz des Gesamtentwurfs: eine Abfolge kristallin geformter Sonderbauten, höchst modern in der Form, aber regional und baukulturell in die thüringische Kulturlandschaft eingebettet durch den Einsatz lokaler Materialen wie Schiefer, Naturstein und Holzschindeln.

Die Tagung Oberhof – Höher, schneller, weiter? findet am 14.05.2022 im markanten AHORN Panorama Hotel in Oberhof statt. Ausgerichtet wird sie von der Stiftung Ettersberg, in Kooperation u.a. mit dem Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. 

War Oberhof unter den Wintersport-Orten der DDR singulär in seiner Entwicklung?
Ja und nein. Architektonisch war die umfassende Planung – auch wenn längst nicht alles davon realisiert wurde – singulär, lässt sich aber mit anderen Zentrumsplanungen der späten 1960er vergleichen, an denen die Experimentalwerkstatt beteiligt war. Wenn man nur die Wintersportorte anschaut, muss und kann man Vergleiche ziehen zu Oberwiesenthal – der gewissermaßen jüngeren Schwester im Erzgebirge. Sie wurde erst nach dem Machtwechsel unter Honecker ausgebaut, aber es gibt starke Verwandtschaften struktureller und planerischer Natur; beide hatten die Doppelausrichtung als Sport- und Erholungsort. Daneben gibt es ein FDGB-Ferienheim, das als Typenprojekt in beiden Orten – und außerdem noch in Suhl – errichtet wurde, allerdings mit einigen Anpassungen an den jeweiligen Standort.

Das Hotel „Panorama“ in Oberhof – heute unter Denkmalschutz stehend – ist ein noch sichtbares bauliches Erbe der DDR. Ist solch eine markante Optik singulär oder typisch für viele DDR-Ferienorte?
Das Objekt ist einzigartig in seiner skulpturalen Form, aber es steht architekturhistorisch natürlich in einem Gesamtkontext. Besonders war daran, dass es der erste eigene Hotel-Neubau der Vereinigung Interhotel war. In diesen Hotels sollte anspruchsvollen Gästen aus dem Ausland ein entsprechendes Angebot gemacht werden. Der Bau wurde von einem Kollektiv aus Jugoslawien geplant, ein Land, das damals zur Avantgarde europäischer Erholungsarchitektur gehörte. Das Hotel ist ein zeittypischer Beitrag zur Bildzeichenarchitektur – ein internationaler Trend der 1960er/70er Jahre, der auch in der DDR verfolgt wurde, allen voran von Henselmann. Die Bettenhäuser des „Panorama“ sind zwei gegeneinander laufende Dreiecksformen, die gleichermaßen als Bergspitzenmotiv wie auch als Sprungschanzen interpretiert werden. Das Bergspitzen-/Sprungschanzenmotiv war beiderseits des Eisernen Vorhangs zu dieser Zeit eine populäre Gestaltungsform für Berghotels. Für die DDR war das „Panorama“ gewissermaßen ein Trendsetter: Es gibt noch einige weitere Beispiele, etwa im nahegelegenen Frauenwald sowie im Erzgebirge, aber etwas später und meist weniger kühn, da sie mit dem beschränkten Repertoire des Großtafelbaus realisiert wurden. 

Wie geht Oberhof heute mit seinem städtebaulichen Erbe aus der DDR-Zeit um?
Als Außenstehende ist es schwierig zu beantworten, wie die Menschen in Oberhof dazu denken. Man kann aber darüber sprechen, wie der Ort sich präsentiert. Schaut man auf die baulichen Hinterlassenschaften der DDR, ist zunächst festzuhalten, dass Oberhof nach 1990 viele Abrisse erlebt hat: Der Tourismus war extrem eingebrochen; hinzu kam der Bevölkerungsschwund, viele der großen Einrichtungen wurden nicht mehr gebraucht. Das Hotel „Panorama“ wurde sehr früh unter Denkmalschutz gestellt, nämlich 1992; viele andere Gebäude wurden abgerissen – auch das ebenfalls unter Schutz gestellte markante Rennsteig-Hotel. Dadurch entstand eine städtebauliche Brache, die auch der Wintersport nicht füllen konnte. Es ist immer schwierig für solche kleineren Bergorte, wenn sie monothematisch unterlegt sind. Es stellt sich die Frage: Wie geht man mit dem noch vorhandenen baulichen Erbe der DDR um und wie kann eine städtebauliche Planung für die Zukunft aussehen? Damit setzt sich die Tagung ja unter anderem auch auseinander.

Haben Sie vielen Dank für die Einschätzungen, Frau Professor Spiegel.


Die Fragen stellte Frank Kaltofen (Redaktion Mitteldeutsches Magazin).

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