Leipziger Buchmesse: Mehr Gäste als je zuvor
Ein Blick auf Mitteldeutschlands größtes Lesefest und auf Serendipität inmitten des Messetrubels.
von Frank Kaltofen
Die 300.000er-Marke ist geknackt: Rund 313.000 Besucherinnen und Besucher waren vom 19. bis 22. März auf die Leipziger Messe gekommen – etwa 17.000 mehr als im Vorjahr. Damals war bereits der Vor-Corona-Spitzenwert aus dem Jahr 2019 pulverisiert worden.
Dass mehr als die Hälfte dieses Zugewinns auf die Besucher der ersten beiden Tage verfiel, ließ sich am sonst eher beschaulichen Messe-Freitag deutlich spüren. Dabei setzen die Veranstalter in diesem Jahr laut eigenen Angaben extra auf ein „überarbeitetes Einlasskonzept“, um die Wartezeiten für die Tausenden zu verringern, die täglich in die Hallen strömten. Diesmal präsentierten sich dort mehr als 2.000 Ausstellerinnen und Aussteller aus insgesamt 54 Ländern.
Tausende Veranstaltungen bei „Leipzig liest“
Ein Magnet für die Buchbegeisterten sind natürlich die über 3.000 Veranstaltungen, die im Umfeld der Messetage im Rahmen von „Leipzig liest“ stattfanden.
Rund 20 dieser Events waren der Ukraine gewidmet. Eine häufige Grundfrage dabei: Welche Spuren hinterlässt der russische Angriffskrieg in Sprache, Erinnerung und Alltag des Landes und seiner Bevölkerung? Die Schriftstellerin und Forscherin Eugenia Kuznetsova stellte unter anderem ihr aktuelles Buch vor, in dem sie die Sprachpolitik der Sowjetunion untersucht. Über Jahrzehnte sei Sprache als politisches Instrument genutzt worden, um russische Dominanz durchzusetzen. Das habe zum Verlust vieler anderer Sprachen während der Sowjetzeit und auch seit dem Zerfall der Sowjetunion innerhalb Russlands geführt.
Auf eine Rückfrage aus dem Publikum teilte Kuznetsova eine interessante Beobachtung aus ihrem Alltag: Seit der russischen Invasion 2022 sei es leichter geworden, internationalen Gesprächspartnern zu vermitteln, dass Ukrainisch und Russisch keineswegs dieselbe Sprache sind – und dass die Menschen aus der Ukraine zwar mitunter Russisch sprechen können, es aber aus offensichtlichen Gründen nicht tun wollen.
Fight for your right to write
Thematisch passend schloss sich daran eine Diskussion an über bedrohte Sprachen als Gedächtnis- und Identitätsräume, beispielhaft erklärt am Status des Rätoromanischen in der Schweiz und des Krimtatarischen in der Ukraine. Der Tenor: Kreatives Schaffen in bedrohten Sprachen sei eine Form des Aktivismus; ein Statement, sich damit durchzusetzen gegenüber Verlagen und gegenüber den mehrheitssprachlich geprägten Kultureinrichtungen.
Preis der Leipziger Buchmesse 2026 für Katerina Poladjan, Marie-Janine Calic und Manfred Gmeiner
Katerina Poladjan erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für ihren Roman Goldstrand (erschienen bei S. Fischer).
In der Kategorie Sachbuch/Essayistik ging der Preis an Marie-Janine Calic für Balkan-Odyssee, 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa (erschienen bei C.H. Beck).
Den Preis für Übersetzung erhielt Manfred Gmeiner für seine Übersetzung von Unten leben (erschienen im Droschl Verlag) aus dem Spanischen von Gustavo Faverón Patriau.
Insgesamt waren diesmal 485 Titel von 177 Verlagen für den Preis der Leipziger Buchmesse eingereicht worden.
Freilich waren auch aktuelle Themen wie künstliche Intelligenz – wie schon in den letzten Jahren – wieder überall präsent auf der Buchmesse, sei es thematisch bei Panels und Vorträgen oder auch sichtbar auf immer mehr Buchcovern.
Ein erfrischendes Kontrastprogramm dazu bot der Artist-Bereich in Halle 1 der affiliierten Manga Comic Con – ein inzwischen riesiger Bereich mit oft jungen Künstlerinnen und Künstlern und ihren Zeichnungen und oft handgefertigten Lifestyle-Produkten. Einst hatte das als eine einfache Reihe von weißen Tischen mit ein paar aufstrebenden Kreativen begonnen.
Ein Ort für kleine (Themen-)Fundstücke
Das Schönste an der immer größer werdenden Buchmesse bleiben eigentlich die kleinen, unerwarteten Entdeckungen zwischen all dem Trubel. Etwa der erst 2025 gegründete Inuit-Verlag, der grönländische Literatur in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Das Projekt des Verlagshauses Kraterleuchten aus Rheinland-Pfalz wird von der gebürtigen Grönländerin Laali Lyberth geleitet. Mit einem textilen Statement zu den Grönland-Ansprüchen des US-Präsidenten sorgte der überschaubare Messestand für einen echten Hingucker.
Unverkäuflich: Der Inuit-Verlag für grönländische Literatur sorgte mit einem klaren Statement für einen Hingucker bei manchem Messebesucher.
Oder man erfährt zwischen all den Buchvorstellungen zufällig von der europaweit einzigartigen Spielklasse für blinde und sehbehinderte Menschen: die deutsche Blindenfußball-Bundesliga, die in diesem Jahr einige ihrer Matches in der Messestadt abhalten wird. Der 1. FC Lokomotive Leipzig wird Ausrichter des Spieltags am 9. und 10. Mai sein.
Der Andrang wird vermutlich geringer sein als an diesen vier März-Messetagen. Aber freilich geht es nicht in allen Lebensbereichen immer um das Wieviel, sondern eher um das Wofür.