Detail aus dem Comic „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges“: Protestierende Ukrainer mit Fahnen

Ein Krieg, der schon so viel länger dauert

Ein ukrainischer Comic zeigt die lange Geschichte von Gewalterfahrungen des Landes durch seinen östlichen Nachbarn Russland. Der Berliner Avant-Verlag hat ihn auf den deutschen Markt gebracht.

 

von Frank Kaltofen

Vier Jahre Krieg in Europa. Wer hätte sich das vor fünf oder sechs Jahren vorstellen können? Russische Raketen und Marschflugkörper fliegen auf ukrainische Städte wie Lwiw, die von der deutschen Grenze weniger weit entfernt sind als Rostock von München. Luftalarm zerreißt seit Jahren die Nächte europäischer Städte wie Kyjiw oder Charkiw. Mit Sirenen und Einschlägen beginnt auch der Comic Eine kurze Geschichte eines langen Krieges: Die Protagonistin, eine junge Studentin, wird aus dem Schlaf gerissen, ihr Smartphone vermeldet: Bedrohung durch Angriffsdrohnen, alle in die Luftschutzräume.

Die Journalistin und Historikerin Mariam Naiem, selbst in Kiew geboren, hat diesen Sachcomic geschaffen, gezeichnet von Yulia Vus und Ivan Kypibida, beide ebenfalls aus der Ukraine. Eine kurze Geschichte eines langen Krieges: Russland gegen die Ukraine – so der vollständige Titel – ist im grafischen Stil cartoonig, mitunter fast karikaturesk, was das Lesen trotz der sehr düsteren Thematik weniger einschüchternd macht, nicht zuletzt für jüngere Leserinnen und Leser.

Das nimmt dem Band aber absolut nichts von seiner Ernsthaftigkeit. Es kommt dabei nicht allzu häufig vor, dass ein Comic – selbst ein Sachcomic – mit Anmerkungen und Quellenbelegen ausgestattet ist. Hier sind es ganze 89 an der Zahl; bei einem Gesamtumfang von rund 100 Seiten wäre das selbst für ein reines Sachbuch beachtlich. 

Cover des Comics „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges“

Unterhalb der jüngsten Angriffe durch Russland schlummern noch viele Schichten historischer Gewalterfahrung für die Ukraine: Das Cover des Comics versinnbildlicht bereits den titelgebenden „langen Krieg“.

 

 

(Bildrechte: Avant Verlag 2025)

Eine kurze Geschichte eines langen Krieges ist insofern quasi ein reich bebildertes Sachbuch: für einen Comic sehr viel Text, sehr viele historische Namen, Symbole, Personen. Und das ist keine leichte Lektüre nebenher – vor allem dann, wenn man ohne Vorkenntnisse herangeht. Mariam Naiem erzählt die Geschichte zudem nicht streng chronologisch: In der Rahmenhandlung im heutigen Luftschutzbunker werden immer wieder historische Aspekte angesprochen und diese dann in Rückblenden vertieft. Etwa die Diskriminierung des Russischen Kaiserreichs gegen die ukrainische Sprache ab dem 18. Jahrhundert. Der Holodomor in der Stalinzeit. Die Orangene Revolution von 2004. Der Euromaidan 2013/2014 – für die Ukrainer die „Revolution der Würde“ (Revoljucija hidnosti). 

Immer wieder ist dies eine Geschichte von Selbstbestimmung. Immer wieder rückt sie das Land in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit. Aber auch in den Fokus des östlichen Nachbarn. Was folgt: die Annexion der Krim ab Februar 2014; Russlands Unterstützung von Separatisten in der Ostukraine. Und natürlich der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ab dem 24. Februar 2022. Der „lange Krieg“ Russlands gegen die Ukraine, so zeigt der Comic, war da schon längst im Gange. 

Was Naiem, Vus und Kypibida aber auch zeigen, sind Reaktionen innerhalb ihres Landes: der Zusammenhalt, die Spenden für die ukrainischen Streitkräfte aus der Zivilgesellschaft.

Panels aus dem Comic „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges“

Panels aus dem besprochenen Comic-Band: Luftalarm im Heute, ukrainische Geschichte in Rückblenden.

(Bildrechte: Avant Verlag 2025)

Man sollte – nein: man kann – hier keine „neutrale“ Sicht auf die Dinge erwarten. Die Bildsprache ist unmissverständlich: Der russische Doppeladler speit bereits Feuer im historischen Rückblick. Zugleich liefert dieser Comic aber eben auch Belege zu den genannten Zahlen und Fakten. Der Verlag spricht auf seiner Website von einem „Sachbuch, das ausschließlich von Ukrainer*innen geschrieben und illustriert wurde“. In dieser Hinsicht ist dieser Comic vermutlich einzigartig auf dem deutschen Markt. 

Vor allem aber führt er uns auf eindrückliche Weise vor Augen, dass junge Menschen in der Ukraine sich heute – jetzt gerade, im Jahr 2026 – darüber klar sein müssen, wo der nächstgelegene Luftschutzbunker liegt. Gedanken, die wir hierzulande Gott sei Dank nur aus Erzählungen unserer Großeltern oder Urgroßeltern kennen.

Eine kurze Geschichte eines langen Krieges
Russland gegen die Ukraine
Text: Mariam Naiem
Zeichnungen: Yulia Vus, Ivan Kypibida
Übersetzung aus dem Ukrainischen von Daria Velychko
Avant Verlag
104 Seiten

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