Wiederansiedlung des Luchses:
Zurück in Thüringens Wäldern
Luchse waren aus Thüringen weitgehend verschwunden. Ein Gespräch über Wiederansiedlung, das Projekt „Luchs Thüringen – Europas Luchse vernetzen“ und die Frage, wie im Thüringer Wald langfristig eine stabile Luchs-Population entstehen kann.
(Foto: © Max Kesberger)
MdM: Herr Dr. Port, weshalb kann man bei Luchsen nicht – wie etwa bei Wölfen – auf eine natürliche Ausbreitung der Spezies vertrauen?
Port: Luchse legen bei der Abwanderung viel kürzere Strecken zurück als Wölfe. Wölfe können gut 1.000 Kilometer und mehr wandern. Dabei sind auch weibliche Wölfe sehr wanderfreudig. Beim Luchs ist das anders: Zwar legen männliche Tiere – Kuder genannt – oft auch mehrere Hundert Kilometer zurück; weibliche Luchse sind aber deutlich weniger „wanderfreudig“ und siedeln sich oft in der Nähe der Territorien ihrer Mütter an. Gerade in fragmentierten Landschaften, in denen große Waldgebiete fehlen, können sich Luchse daher nur schwer neue Lebensräume erschließen. Wo Weibchen fehlen, oder in der Landschaft nicht vorankommen, laufen die etwas wanderfreudigeren Kuder nämlich gewissermaßen ins Leere. Daher ist es wichtig, durch gezielte Auswilderungen in geeigneten Lebensräumen sogenannte Trittstein-Populationen zu schaffen, entlang derer sich die Tiere ausbreiten können. Korridor-Strukturen wie das Grüne Band können vielen Tieren helfen, in neue Lebensräume zu gelangen. Gerade bei Wildkatzen funktioniert dies ganz gut. Mit Blick auf die wenig wanderfreudigen Weibchen ist dem Luchs aber mit grünen Korridoren allein nicht geholfen, weil die Tiere auf große Waldgebiete angewiesen sind.
Gilt deswegen Thüringen – oder genauer: der Thüringer Wald – als Schüsselgebiet für die Luchsansiedlung?
Der Thüringer Wald, als großes zusammenhängendes Waldgebiet im Herzen Deutschlands, bietet genug Platz für ein stabiles Luchsvorkommen. Er liegt außerdem etwa auf halbem Weg zwischen den schon existierenden Luchspopulationen im Harz und im Bayerischen Wald. Zwischen diesen Populationen findet aber derzeit kein genetischer Austausch statt, weil kein Luchs jemals die Strecke zwischen beiden Punkten zurückgelegt hat. Beim Thüringer Wald ist das anders: Wir wissen, dass dieser gelegentlich von männlichen Tieren aus dem Harz erreicht wird. Solange es im Thüringer Wald keine Luchse gab, verlor sich ihre Spur aber früher oder später meist wieder. Daher ist es wichtig, durch die Ansiedlung von Luchsen – insbesondere von Weibchen – ein Luchsvorkommen im Thüringer Wald zu schaffen, das zuwandernden Männchen einen Anreiz zum Verbleib bietet. Ausgehend von einem Luchsvorkommen im Thüringer Wald wäre dann im nächsten Schritt auch der Bayerische Wald zu erreichen. Die Vorkommen im Harz und im Bayerischen Wald wären also über den Thüringer Wald miteinander verbunden und der Genfluss sichergestellt. Solche miteinander vernetzten Vorkommensgebiete nennen Biologen „Metapopulationen“.
Wie lassen sich die bisherigen Fortschritte des „Luchs Thüringen“-Projekts beziffern?
Bislang haben wir sechs Luchse im Thüringer Wald auswildern können. Das sind leider etwas weniger als wir uns zu Projektbeginn gewünscht haben. Es ist allerdings sehr schwierig, an geeignete Luchse für Auswilderungen heranzukommen. Solche Luchse werden meist als Wildfänge in das Zielgebiet umgesiedelt. In unserem Fall stammen beispielsweise zwei der Tiere aus den rumänischen Karpaten. Solche Umsiedlungen kann man aber natürlich nur in begrenztem Umfang und mit viel Fingerspitzengefühl durchführen, weil man ja auf keinen Fall die Ursprungspopulation gefährden möchte. Daher stammen die vier übrigen Luchse aus Gehegehaltung. Aber auch Luchse aus solcher Haltung sind nur in geringer Zahl verfügbar, weil die Auswahlkriterien sehr streng sind.
Über das Projekt „Luchs Thüringen“:
Das Projekt „Luchs Thüringen – Europas Luchse vernetzen“ zielt darauf ab, bis 2027 rund 20 Luchse aktiv im Thüringer Wald anzusiedeln. Das Luchsvorkommen im Thüringer Wald soll die bislang isolierten Populationen im Harz und im Bayerischen Wald miteinander vernetzen. Neben den Aussiedlungen umfasst das Projekt Monitoring der Tiere sowie Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit.
Zu den Projektpartnern zählen neben dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), dem World Wide Fund for Nature (WWF) und dem Wildkatzendorf Hütscheroda mit eigenem Luchs-Koordinationsgehege auch die Universität Göttingen, das UNESCO Biosphärenreservat Thüringer Wald, ThüringenForst, der Naturpark Thüringer Wald, der Landesjagdverband Thüringen sowie die rumänische NGO Asociaţia pentru Conservarea Diversităţii Biologice (ACDB) und die staatliche Forstverwaltung Rumäniens.
(Foto: © BUND Thüringen)
Welche Auswahlkriterien sind das?
Bei Gehegetieren achten wir sehr genau darauf, dass die Luchse möglichst nicht an Menschen gewöhnt sind. Dazu müssen sie aus großen naturnahen Gehegen kommen, in denen sie möglichst wenig Kontakt zu Besuchern hatten. In ganz Europa gibt es nur wenige Einrichtungen, die diese Kriterien erfüllen. Eine davon liegt glücklicherweise bei uns in Thüringen: Das Wildkatzendorf Hütscheroda bei Eisenach nimmt nämlich eine Vorreiterrolle für die Zucht von Luchsen für Auswilderungen ein. Das Wildkatzendorf hat bereits sieben Luchse für Auswilderungsprojekte zur Verfügung stellen können – so viele wie keine andere Einrichtung in Europa.
Wie haben sich die in Thüringen ausgewilderten Tiere denn bislang entwickelt?
Von den sechs ausgewilderten Luchsen haben bisher vier feste Streifgebiete im Thüringer Wald etabliert. Ein Luchs ist nach Nordbayern abgewandert, ein weiterer ließ sich leider nach Ausfall seines Halsbandsenders nicht mehr nachweisen. Gleichzeitig profitiert unser Projekt von der Zuwanderung von Luchsen aus Nordbayern: Die bayerischen Behörden hatten in den letzten Jahren einige rehabilitierte Waisenluchse nach Nordbayern umgesiedelt. Inzwischen wissen wir, dass diese Luchse auf zugewanderte Kuder aus dem Harz getroffen sind. In der Folge war im Grenzbereich zu Thüringen ein kleines Luchsvorkommen entstanden, das sich inzwischen in den Thüringer Wald hinein ausdehnt. Das ist eine ebenso unerwartete wie zu begrüßende Entwicklung! Eine vermutlich aus Nordbayern stammende Luchsin hat im letzten Jahr bereits zum zweiten Mal in Folge Junge im Thüringer Wald zur Welt gebracht.
Beim Wolf steht in der öffentlichen Debatte häufig das Beuteverhalten im Fokus – anders beim Luchs. Was frisst der Luchs in den Wäldern Thüringens?
Es ist unbestritten, dass es überall dort, wo Wölfe vorkommen, auch zu Übergriffen von Wölfen auf Nutztiere kommt. Wie häufig solche Übergriffe stattfinden, hängt von mehreren Faktoren ab, bei denen der Herdenschutz eine entscheidende Rolle spielt. Wo Herdenschutz nicht oder nur unzureichend vorhanden ist, sind Nutztiere für Wölfe oft eine leichte Beute. Beim Luchs ist dies glücklicherweise anders: Übergriffe von Luchsen auf Nutztiere kommen zwar gelegentlich vor, aber zum Glück sehr selten. In Thüringen gab es beispielsweise 2025 nur zwei solche Übergriffe. In der Regel ist es dann so, dass die betroffenen Halter für den Verlust ihrer Tiere entschädigt werden.
Weil Übergriffe von Luchsen auf Nutztiere sehr überschaubar sind, stehen die meisten Nutztierhalter dem Luchs deutlich weniger kritisch gegenüber als dem Wolf. Meiner Erfahrung nach ist der Luchs für die meisten Nutztierhalter kein „großer Aufreger“. Luchse beschränken sich überwiegend auf das Erbeuten von Wildtieren, vor allem Rehen – sie machen in den Mittelgebirgsregionen Mitteleuropas etwa 80 Prozent der Beutetiere des Luchses aus. Bei den Luchsen, die wir im Thüringer Wald ausgewildert haben, sind aktuell sogar etwa 90 Prozent der Beutetiere, die wir im Feld auffinden, Rehe. Daneben stehen junges Rotwild, Hasen und Füchse auf dem Speiseplan des Luchses.
Profitieren Luchse auch davon, dass es in ihrem Fall keinen „Rotkäppchen-Mythos“ gibt?
Generell war und ist auch der Wolf in vielen traditionellen, der Natur stärker verbunden Kulturen, nicht nur negativ belegt. Im christlich geprägten Kulturkreis Mitteleuropas wird der Wolf aber tatsächlich oft als „böse“ angesehen. Dies trifft auf den Luchs zum Glück nicht zu, der in unserer Gesellschaft und in unserem Kulturkreis ein deutlich besseres Image hat: Er wird oft als heimliche, elegante Katze beschrieben, und seine herausragenden Sinnesleistungen werden positiv hervorgehoben, beispielsweise indem man sagt, jemand habe Augen oder Ohren „wie ein Luchs“. Das trägt natürlich zur Akzeptanz des Luchses in der Gesellschaft bei. Beispielsweise haben die meisten Menschen keine Angst vor Luchsen, oder haben Angst, sich in einem Wald zu bewegen, in dem es Luchse gibt. Das ganze Gegenteil ist der Fall: In meiner Erfahrung empfinden die meisten Menschen den Luchs als Bereicherung unserer Wälder. Ausnahmslos alle Menschen, die mir bisher von einer zufälligen Begegnung mit einem Luchs berichtet haben, waren fasziniert und hellauf begeistert.
„Meiner Erfahrung nach ist der Luchs für die meisten Nutztierhalter kein großer Aufreger.“
Eine vor mehreren Jahrzehnten in Bayern angesiedelte Population leidet auch unter illegaler Bejagung der Tiere. Lässt sich das für Thüringens Luchse realistisch auf Dauer vermeiden?
Luchse stehen in Deutschland unter Naturschutz und dürfen daher nicht gejagt oder getötet werden. Dennoch kommt es leider immer wieder vor, dass Luchse illegal getötet werden. In Bayern war dies vor einigen Jahren ein großes Problem. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Eine schlechte Kommunikation zwischen Luchsschützern auf der einen und Jägerinnen und Jägern auf der anderen Seite dürfte aber eine Rolle gespielt haben. In der Jagdliteratur vergangener Jahrhunderte wurde der Luchs durchweg negativ dargestellt: Als Raub- oder Schadwild hatte er nach damaliger Sicht praktisch keine Existenzberechtigung – was ja auch zu seiner Ausrottung vor mehr als 150 Jahren geführt hat. Diese Sichtweise ist aber natürlich nicht mehr zeitgemäß, auch nicht in der Jägerschaft. Gleichzeitig wissen wir heute viel mehr über die Ökologie des Luchses, als dies zu damaligen Zeiten der Fall war. Zwar werden Luchse auch heute oft noch als Beutekonkurrenten angesehen, weil sie es ja auf dieselben Beutetiere abgesehen haben wie der menschliche Jäger. Aber wenn man das Gespräch mit Jägerinnen und Jägern sucht, und darstellt, dass der Einfluss des Luchses auf die Populationen seiner Beutetiere oft viel geringer ist, als von Jägerinnen und Jägern angenommen, dann können die meisten von ihnen sehr gut mit einem Luchs als gelegentlichem Gast in ihren Revieren leben. Kommunikation ist also alles!
Das klingt erstaunlich harmonisch...
In Thüringen arbeiten wir sehr eng und sehr gut mit dem Landesjagdverband zusammen, und werden durch ein Netzwerk geschulter Jägerinnen und Jäger, den sogenannten Luchsbeauftragten, bei unserer Arbeit unterstützt. Gleichwohl muss ich aber einräumen, dass wir manche Jägerinnen und Jäger trotz aller Bemühungen nicht erreichen können. Daher gibt es leider auch weiterhin Menschen, die sich nach wie vor nicht mit dem Luchs als natürlichem Bestandteil unserer Waldökosysteme arrangieren können. Und ein kleiner Teil dieser Menschen mag dann auch bereit sein, einem Luchs illegal nachzustellen. Im Norden und Nordwesten Thüringen leben Luchse bereits wieder seit etwa 20 Jahren, und leider hat es dort bereits zwei nachgewiesene Fälle von illegalen Tötungen gegeben. Die Jagdverbände verurteilen illegale Tötungen von Luchsen aber übrigens auch aufs Schärfste!
Ein Blick nach vorn: Auch in Sachsen werden Luchse ausgewildert, im Rahmen des Projekts „RELynx Sachsen“. Werden diese mitteldeutschen Populationen langfristig zueinanderfinden?
Wir gehen davon aus, dass die Luchsvorkommen in Sachsen und Thüringen langfristig zu einer Metapopulation zusammenwachsen werden. Das bedeutet nicht, dass es vom Erzgebirge bis zum Thüringer Wald flächendeckend Luchse geben wird, aber sowohl Erzgebirge als auch Thüringer Wald werden zukünftig hoffentlich stabile Luchsvorkommen beherbergen, zwischen denen es einen natürlichen, genetischen Austausch geben wird. Eine Schlüsselstellung hat dabei wie erwähnt der Thüringer Wald, denn über ihn ist die Verbindung in den Harz und in den Bayerischen Wald gegeben. Im Moment liegt unser Augenmerk erst einmal darauf, im Thüringer Wald ein stabiles Luchsvorkommen aufzubauen. Die Kolleginnen und Kollegen in Sachsen verfolgen ähnliche Ziele fürs Erzgebirge. Dabei sind unsere Projekte in ständigem Austausch miteinander. Einer der nächsten Schritte wird dann sein, gemeinsam Maßnahmen zur Stärkung des Biotopverbundes zu initiieren, um den Austausch von Individuen zwischen den Mittelgebirgsregionen zu fördern.
Herzlichen Dank für diese Eindrücke.
Die Fragen stellte Frank Kaltofen.
Dr. Markus Port ist seit 2019 für den BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Thüringen e.V. (BUND Thüringen) tätig und koordiniert seit 2021 das Projekt „Luchs Thüringen“. Darüber hinaus ist er Gastwissenschaftler an der Universität Göttingen, wo er sich seit 2014 mit dem Luchs beschäftigt.