Rückkehrer mit Image-Problem
In den letzten 20 Jahren ist der Wolf zu einem echten „Exportschlager“ Sachsens geworden. Und er sorgt mehr und mehr für öffentliche Debatten. Ein Besuch in der Lausitz, wo Forschende die Rückkehr der Wölfe seit Langem im Blick haben.
von Frank Kaltofen
Unweit der Grenze zu Polen, rund eineinhalb Autostunden von Dresden entfernt, liegt der Truppenübungsplatz Oberlausitz. Hier nahm es seinen Anfang, als sich 1998 erstmals wieder ein Wolfspaar hierzulande ansiedelte. Rund zwei Jahre später entsteht mit dessen Welpen das erste Wolfsrudel Deutschlands in freier Wildbahn seit der Ausrottung. Das Jahr 2000 gilt damit als das Jahr, in dem die Wölfe nach Deutschland zurückkehrten.
Die ersten Tiere wanderten aus Polen ein – einige davon blieben, zunächst vereinzelt auf Truppenübungsplätzen, wie dem in der Muskauer Heide, oder in den weiträumigen Tagebaufolgelandschaften Sachsens und Brandenburgs.
Inzwischen sind in Deutschland insgesamt 219 Wolfsrudel nachgewiesen. So verrät es der Statusbericht „Wölfe in Deutschland“ für das letzte Monitoringjahr 2024/25, herausgegeben durch die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW). Von einem Rudel ist in der Regel ab drei Individuen die Rede, also meist ein Wolfspaar mit seinem Nachwuchs – wie die Pioniere vor einem Vierteljahrhundert in der Oberlausitz.
Mehr als die Hälfte der von Wölfen besiedelten Territorien entfallen heute auf die Bundesländer Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen. Im aktuellen Bericht des DBBW heißt es auch: „Die Vorkommen im Hauptverbreitungsgebiet im Osten und Norden des Landes haben sich weiter verdichtet, während es im Süden und Süd-Westen Deutschlands kaum Veränderungen – teilweise sogar Gebietsabnahmen – gab.“
Monitoring: Fakten statt Spekulationen
Wer sich mit der Rückkehr der Wölfe und ihrer Verbreitung befasst, kommt an der Arbeit von Ilka Reinhardt nicht vorbei. Schon lange bevor die Rückkehrer Schlagzeilen machten, gründete die Biologin zusammen mit ihrer Kollegin Gesa Kluth das LUPUS – Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland. Die Forschungseinrichtung, ansässig im Landkreis Bautzen, ist bereits seit 2002 mit dem wissenschaftlichen Monitoring der Tierart beauftragt. So führt Reinhardt mit ihren Kolleginnen und Kollegen unter anderem die Daten der einzelnen Bundesländer zum Wolfsbestand jährlich für den DBBW-Bericht zusammen.
Aktuelle Zahlen zur Wolfspopulation in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
(Eigene Darstellung, nach Zahlen des Jahresberichts DBBW)
In den letzten Wochen kann sich Reinhardt vor Medienanfragen kaum retten. Der Wolf ist in der öffentlichen Diskussion angekommen; es wird mehr und mehr Stimmung gemacht. Damit solche Diskussionen faktenbasiert geführt werden können, arbeiten Ilka Reinhardt und das LUPUS-Team daran, möglichst viele Daten über Verbreitung und Wanderverhalten der Wölfe zu sammeln. „Wissen über die Tiere – ihre Lebensweise, nicht zuletzt auch ihr Ernährungs- und Beuteverhalten – ist enorm wichtig, um in der Öffentlichkeit Akzeptanz zu schaffen“, ist die Biologin überzeugt. Obwohl sie täglich die Orte erforscht, an denen Wölfe sich bewegen, bekommt auch sie die Tiere nur äußerst selten zu Gesicht: „Wölfe gehen uns Menschen aus dem Weg, so gut sie nur können“, stellt Reinhardt klar.
Darum verwundert es auch nicht, dass Truppenübungsplätze auch heute noch eine wichtige Rolle als Wolfshabitat spielen. Die Tiere lassen sich auch durch die vermehrte Nutzung seit Beginn des Ukrainekriegs nicht wirklich beeindrucken, berichtet die Wolfsforscherin, die eine spezielle Genehmigung zum Betreten und Befahren der ansonsten streng gesperrten Bundeswehrareale besitzt. Hier findet sie immer wieder Spuren des Canis lupus im sandigen Boden der Militärgelände.
Fotofallen: Wanderer, Hasen, manchmal Wölfe
Um ein so vorsichtiges und zugleich kluges Tier wie den Wolf aber nicht nur anhand von solchen vergänglichen Spuren zu erforschen, setzt das LUPUS-Team auf Fotofallen. Zwischen 40 und 50 eigene Wildkameras habe man im Einsatz, berichtet Ilka Reinhardt auf dem Weg zur Auswertung einer solchen unauffällig installierten Kamera mit Bewegungssensor.
Tausende Bilder kommen so regelmäßig auf den Speicherkarten zusammen – oft unverwertbar, weil sie nur wegen sich im Wind wiegender Vegetation oder einem Wanderer im Wald ausgelöst haben. Häufig findet sich auch wilder „Beifang“ wie Rehe, Wildschweine oder Hasen. Immer mal wieder ist aber auch mal ein Wolf dabei – den Reinhardt dann erstaunlich zielsicher als eines der erwachsenen Tiere des ansässigen Rudels identifiziert. Die Auswertung der Aufnahmen hilft den Forschenden unter anderem dabei, die Größe eines lokalen Rudels samt Welpen zu bestimmen.
Telemetrie: Wie weit wandert ein Wolf?
Um die Reviernutzung und Ausbreitung der Wölfe genauer zu erforschen, stattet das LUPUS-Team seit 2004 Wölfe mit Telemetrie-Halsbandsendern aus; bereits ab 2006 wurde in einer vom Bundesamt für Naturschutz finanzierten Pilotstudie mit Hilfe solcher automatischen Fernmessung erstmals das Abwandern junger Wölfe untersucht. Die Halsbänder sind mit einer Art Zeitschloss versehen und fallen spätestens nach zwei Jahren von allein ab.
Bis dahin lassen sich für jedes besenderte Tier seine Bewegungsmuster im eigenen Revier und seine Mobilität zwischen verschiedenen Orten erfassen. Es sei dabei nicht ungewöhnlich, erklärt Ilka Reinhardt, dass sich junge Fähen – also weibliche Tiere – in der Nähe ihres Geburtsortes ansiedeln, wenn dieses Gebiet noch nicht durch andere Wölfe belegt ist. Bei jungen Rüden lässt sich oft deutlich weiträumigeres Wanderverhalten beobachten, wenn diese auf der Suche nach einem eigenen Review oder einer Partnerin sind. Eine junge Wölfin wanderte aber beispielsweise aus der Lausitz bis in die Niederlande. Werden Geschwister desselben Wurfs besendert, stellen die Forschenden zudem interessante Unterschiede fest, verrät Biologin Reinhardt: „Nach der Lösung von ihren Eltern blieb der eine Bruder hier unweit seines Geburtsortes, der andere wanderte bis nach Weißrussland ab.“
Exportschlager: bis nach Dänemark
Die Daten zeigen: Die Wölfe sind tatsächlich eine Art vierbeiniger „Exportschlager“ Sachsens geworden. Aus dem Osten des Freistaates haben sie sich mit den Jahren bundesländerübergreifend in Nord-West-Richtung verbreitet; zudem sind einige über die grünen Grenzen nach Polen und Tschechien abgewandert. Auch der erste Wolf in Dänemark seit 200 Jahren: ein Einwanderer aus Sachsen.
Wolfsmonitoring
links: Für das Monitoringjahr 2024/2025 wurden laut DBBW-Bericht bundesweit 276 Wolfsterritorien bestätigt, davon 219 Rudel, 43 Paare und 14 territoriale Einzeltiere.
unten:
Biologin Ilka Reinhardt bei der Arbeit mit Telemetriedaten und Wildkamera
Um die Herkunft einzelner Populationen wissenschaftlich nachzuweisen, arbeiten die LUPUS-Experten auch mit Partnereinrichtungen wie dem Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz zusammen. Dort werden eingesammelte Losungen – also Kot – der Tiere untersucht, um etwa Informationen zur deren Ernährungsweise zu erhalten. Eben diese ist wohl die mit Abstand größte Kontroverse, die der vierbeinige Rückkehrer mit sich bringt: Das Beuteverhalten (siehe Fakten-Box) der Wölfe wird immer wieder öffentlich diskutiert, gerade mit Blick auf Viehzucht und Weidehaltung – und deswegen auch sehr genau in Langzeitstudien erforscht. Kurz gesagt besteht die Hauptnahrung der in Deutschland vorkommenden Wölfe aus wildlebenden Huftieren, vor allem Rehen.
Obwohl auch internationale Studien zeigen, dass Nutz- und Haustiere nur einen verschwindend geringen Anteil an der Beute von Wölfen ausmachen, lassen gerissene Schafe, Ziegen oder Kälber die Emotionen hochkochen.
Nutztierrisse: Richtiger Schutz wirkt
Klar ist dabei auch Umwelt- und Tierschützern: Herdenschutz ist überall notwendig, wo es Wölfe gibt. Auch ein einzelner Wolf kann eine Gefahr für Weidetiere sein – wenn diese nicht ausreichend gesichert sind. Denn: „Wölfe sind Opportunisten“, stellt Ilka Reinhardt klar. Wichtig seien deshalb vor allem geeignete Maßnahmen zum Herdenschutz – und das Wissen um deren korrekte Anwendung.
WAS FRESSEN WÖLFE IN (MITTEL-)DEUTSCHLAND?
Grundsätzlich gilt: Regional unterscheidet sich die Verfügbarkeit der Beutetierarten, die Hauptnahrungsquellen bilden aber immer Rehe, Wildschweine und Rotwild.
Eine Auswertung von über 11.000 Kotproben aus den Jahren 2001 bis 2021 ergab: Wölfe in Deutschland ernähren sich hauptsächlich von wildlebenden Huftieren, mit einem Anteil von 94,5 % der aufgenommenen Biomasse. Vorherrschende Arten sind dabei Rehe (Biomasseanteil 45,1 %) und Wildschweine (27,3 %).
Je nach Verfügbarkeit machen auch Rot- und Damwild auf einen hohen Beuteanteil aus.
In 1,6 % der Kotproben wurde Nutztiere – vor allem Schafe und Rinder – nachgewiesen, was einen Biomasseanteil von 1,8 % ausmacht.
Gelegentlich wurden mittelgroße Säuger wie Nutria sowie Vögel und Fische festgestellt.
Ebenfalls zeigte sich: Jungtiere unter 12 Monaten machen einen erheblichen Anteil in der Ernährung der Wölfe aus.
Die Daten lieferten keine Hinweise darauf, dass die Ernährung der Wölfe die Populationsdynamik der einheimischen Wildhuftiere beeinflusst.
Speziell für Sachsen (Zeitraum 2001 bis 2016) ergab sich ein ähnliches Bild:
Wildlebende Huftiere machten 94,7 % der verzehrten Biomasse aus; das Reh bildet mit über 50 % auch hier den Hauptnahrungsbestandteil, gefolgt von Rothirsch und Wildschwein. Nutztiere waren mit 1 % vertreten.
Je nach Bundesland können Halter für solche Präventionsmaßnahmen bis zu 100 Prozent staatliche Förderung bekommen – etwa für die Anschaffung von Zaunmaterial oder von speziell trainierten Herdenschutzhunden.
Oft sind die empfohlenen Schutzmaßnahmen aber nicht vorhanden, wenn ein Wolf Nutztiere verletzt oder tötet. In Thüringen wurden beispielsweise für das letzte Kalenderjahr 112 „Schadensereignisse“ gemeldet, 57 mal ein Wolf als Verursacher festgestellt – und in vielen Fällen war laut der amtlichen Liste kein „optimaler Herdenschutz“ vorhanden. „Nur weil ein Zaun auf den ersten Blick in Ordnung aussieht, bedeutet es nicht, dass er auch technisch funktionstüchtig ist. Neben der finanziellen Förderung bedarf es auch einer fachlichen Betreuung“, erklärt Reinhardt.
Dabei verringern vorbeugende Schutzmaßnahmen signifikant die Nutztierschäden durch Wölfe – wenn die Zäune richtig gewartet sind. Das bestätigen auch mehrere internationale Untersuchungen aus Europa und den USA. Der Grund: Diese Maßnahmen verhindern, dass die Wölfe überhaupt erst positive Jagderfahrungen machen.
Jagdgesetz: Jagd auf Wölfe wird wieder möglich
Die Frage nach Eingriffen in die Wolfspopulation hat inzwischen auch den Gesetzgeber erreicht, wesentlich vorangetrieben von Jagd- und Nutztierhalter-Verbänden. So forderte beispielsweise der Deutsche Jagdverband (DJV) in einer Stellungnahme, man müsse „zur nachhaltigen Bestandsregulierung“ bis zu 40 Prozent der Jungwölfe eines Jahrgangs erlegen dürfen.
In vielen Bundesländern galt bereits: Wenn ein Wolf gelernt hat, ordnungsgemäße Herdenschutzmaßnahmen zu überwinden, kann der Abschuss dieses Tieres sinnvoll sein. Rechtlich möglich war dies bereits als Maßnahme des „Wolfsmanagements“, für ein bestimmtes Individuum – und nicht als im Jagdrecht vorgesehene Bejagung von Wölfen. „Eine generelle Bejagung ist schlicht die falsche Methode und wird zu keiner Reduzierung der Konflikte mit Tierhaltern führen. Das ist ganz klar politisch motiviert“, schätzt Ilka Reinhardt die Diskussion ein.
In einer schriftlichen Stellungnahme für den Landwirtschaftsausschuss des Bundestags im Februar 2026 erläuterte die Expertin dazu: In mehreren wolfsreichen Bundesländern seien die Übergriffe auf Weidetiere in den letzten zwei Jahren zurückgegangen. In Sachsen-Anhalt gelinge es, die Übergriffe seit Jahren auf geringem Niveau zu halten – trotz dort steigendem Wolfsbestand. Zugleich gebe es zahlreiche Studien, etwa aus Spanien, Lettland, Slowenien und den USA, die belegen, dass generelle Bejagung nicht geeignet sei, um Wolfsübergriffe auf Nutztiere nachhaltig zu reduzieren.
Dennoch: Wie im Koalitionsvertrag von Union und SPD vereinbart, wurde der Wolf Anfang April 2026 ins Bundesjagdgesetz aufgenommen. Begründet wird dies in einer Pressemitteilung der Bundesregierung auch mit „Konfliktpotenzial mit Teilen der Bevölkerung“. Befinde sich der Wolf in einem „günstigen Erhaltungszustand“, kann die zuständige Behörde eines Bundeslandes nun, unabhängig von konkreten Rissvorfällen, die Jagd auf Wölfe ermöglichen.
Die vorgesehene Jagdzeit von Juli bis Oktober ist besonders brisant: Wolfswelpen kommen meist im Mai zur Welt; werden die Elterntiere wenig später getötet, ist ihr Wurf in der Regel nicht überlebensfähig. Reinhardts ernüchternde Bilanz: „Die Regelung ist offenbar nur Mittel zum Zweck, um eine Bejagung des Wolfs durchzusetzen, die fachlich nicht zu rechtfertigen ist.“
Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag des NABU (2024) unter rund 2.400 volljährigen Personen in Deutschland
... fanden drei Viertel der Befragten, dass Wölfe in unsere Landschaft gehören, wie beispielsweise Füchse, Rehe oder Biber auch.
... sagten 73 Prozent der Befragten, es sei „erfreulich, dass Wölfe wieder hier leben“.
Ist der Wolf also gekommen, um zu bleiben – oder sieht seine Zukunft bereits düster aus? „In bestimmten Regionen ist der Bestand sehr fragil“, erklärt die Wolfsexpertin. In manchen geeigneten Gebieten bleibe eine Besiedlung ganz aus; insgesamt stagniere der Gesamtbestand für Deutschland inzwischen.
Klar ist: Die Anzahl der hierzulande lebenden Wölfe ist immer nur eine Momentaufnahme: Einzelne Tiere sterben – im Straßenverkehr, durch Krankheit – oder werden illegal getötet, andere wandern ab. Anderswo kommt neuer Nachwuchs hinzu, ein neues Rudel entsteht. Wie vor gut einem Vierteljahrhundert in der Lausitz, als alles einen (neuen) Anfang nahm.