Dunkle Geschichte erinnern: 
NS-Zwangsarbeit in Espenhain

Den Auftakt unserer Rubrik „Weltoffenes Mitteldeutschland“ macht ein Beitrag zur Zwangsarbeit in der Braunkohlenindustrie und zu lokalen Ansätzen einer demokratischen Erinnerungsarbeit.

von Martin Haufe & Martin Baumert 

Die Rubrik „Weltoffenes Mitteldeutschland“

Die Region, die heute Mitteldeutschland bildet, ist von Meilensteinen der demokratischen Entwicklung (etwa der Weimarer Republik oder den ersten Montagsdemonstrationen) ebenso geprägt wie vom historischen Erbe von Diktaturen sowie von heutiger extremistischer Gewalt. Unser Magazin will in jeder Ausgabe Projekte für Demokratie, Inklusion und Vielfalt mit ihrer wichtigen Arbeit sichtbar machen. So können wir gemeinsam – durch positive Beispiele für interkulturelles Miteinander, für Erinnerungsarbeit und mit gesellschaftlichen Debatten – ein klares Zeichen für ein weltoffenes Mitteldeutschland setzen.

 

Espenhain wurde wie kaum ein zweiter Ort in Mitteldeutschland vom Nationalsozialismus geprägt. Bis 1936 handelte es sich um ein beschauliches Bauerndorf in der Leipziger Tieflandbucht mit knapp 500 Einwohner*innen. Die Vorbereitungen des Angriffs- und Vernichtungskrieg änderten dies grundlegend: Ab 1937 entstand hier ein Braunkohlenwerk mit angeschlossenem Tagebau zur Versorgung der Kriegsmarine mit Schwer-, Heiz- und Dieselöl. Dabei war es das erste Werk der Treibstoffindustrie, das von der Kohleförderung bis zum verkaufsfertigen Kraftstoff produzierte. Die umgewandelte Energie versorgte das Rüstungszentrum Leipzig.

Direkt angeschlossen an das Werk waren eine Leichtmetallhütte und ein Kunststoffpressplattenwerk, die für die kriegswichtige Mitteldeutsche Luftfahrindustrie fertigten. Hierzu benötigten die Unternehmen zahlreiche Arbeitskräfte, die allerdings in der Rüstungskonjunktur schon 1937 Mangelware waren. Daher entschieden die Machthaber*innen zusammen mit der Aktiengesellschaft Sächsische Werke – ursprünglich ein öffentlicher Energieversorger – von Beginn an auch auf unfreiwillig entrichtete Arbeit zurückzugreifen.

Zuerst betraf es sogenannte Dienstverpflichtete – junge männliche Deutsche, die von den Arbeitsämtern zugeteilt und in Lagern untergebracht wurden. Im Vergleich zu anderen Deutschen konnten sie ihr Arbeitsverhältnis nicht selbständig lösen. Die Unterbringung auf engstem Raum, die schlechte Bezahlung und das strenge Regime auf der Baustelle führten zu Frustration und – manche Leserin, mancher Leser möge sich hier an die Situation von Geflüchteten heute erinnert fühlen – ständigen Konflikten in den Lagern. Allerdings waren sie keine Zwangsarbeiter: Sie hatten immer noch Rechte. Die Quellen zeigen, dass sie Beschwerden an die Betriebsleitung formulierten und Forderungen durchsetzen konnten.

Mit der aggressiven Expansionspolitik erschlossen sich die Nationalsozialisten Stück für Stück neue Arbeitskräftegruppen. Nach der Annexion des Sudetenlandes im September 1938 kamen Menschen aus den besetzten Gebieten sowie von Verbündeten. Auch hier lassen sich Unterschiede in der Behandlung erkennen: Während Slowaken, als Angehörige eines Vasallenstaates, jederzeit in ihre Heimat zurückkehren konnten, waren Tschechen diskriminierenden Bestimmungen ausgesetzt und sowohl sozial als auch finanziell schlechter gestellt.

Hieran wird bereits ein Muster rassistischer Hierarchisierung deutlich, das sich bis zum Ende des „Dritten Reiches“ erhalten sollte: An oberster Stelle standen deutsche Staatsangehörige. Danach kamen Menschen aus verbündeten Staaten. Ihnen folgten Kriegsgefangene und zivile Arbeitskräfte aus dem Westen; „Ostarbeiter“ – eine willkürliche Einteilung für Menschen aus Ostmittel- und Osteuropa – waren permanent von Erlassen bedroht, die für geringste Vergehen drakonische Strafen bis zum Tod vorsahen. Mindestens ein polnischer Staatsangehöriger wurde in Espenhain beispielsweise für den Diebstahl von einem Paar Stiefeln hingerichtet. 

An letzter Stelle standen sowjetische Kriegsgefangene und Arbeitserziehungslagerhäftlinge: Sie wurden nicht nur diskriminiert, sondern dauerhaft lebensbedrohlichen Umständen ausgesetzt. Entsprechend hoch waren die Sterbezahlen unter ihnen. Ob auch KZ-Häftlinge eingesetzt wurden, lässt sich nicht abschließend klären. In einem Dokument wurden über 500 Personen von der zuständigen Rüstungsbeauftragten angefordert – ob dieser Bitte nachgekommen wurde, ist unbekannt.

Mit der aggressiven Expansionspolitik erschlossen sich die Nationalsozialisten neue Arbeitskräftegruppen. Das Bild zeigt französische Kriegsgefangene in Espenhain.

(Bildrechte: © Werner Winkler)

Kriegsgefangene mitten in Espenhain

Mit Kriegsbeginn kamen mehr und mehr Menschen zwangsweise nach Espenhain. Dabei war das nahegelegene Böhlen, das zusammen mit Espenhain einen Industriekomplex bildete, der nach aktuellem Kenntnisstand erste Ort, an dem ab Oktober 1939 polnische Kriegsgefangene in der deutschen Industrie eingesetzt wurden. Insgesamt lassen sich Menschen aus mindestens 22 Ländern nachweisen, darunter auch Südafrika und Indien. Im Februar 1945 waren fast 60 Prozent der Arbeitskräfte Nicht-Deutsche. Untergebracht waren die meisten von ihnen in Barackenlagern. Ein Kriegsgefangenlager, das Wohnlager I, befand sich direkt beim Gasthof Aspe und somit im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Espenhain.

Die meisten Arbeitskräfte lebten allerdings gegenüber vom Werk im Wohnlagerkomplex Margarethenhain – im wahrscheinlich größten nationalsozialistischen Lagerkomplex Sachsens. Hier hausten bis zu 10.000 Menschen, streng nach Herkunft getrennt. So forderte beispielsweise die Wehrmacht, das Lager für die sowjetischen Kriegsgefangenen mindestens 500 Meter von der heutigen Bundestraße 95 entfernt zu errichten, um die dortigen katastrophalen Zustände zu vertuschen. 

Die Schwere der Arbeit war für verschiedene Gefangenengruppen sehr unterschiedlich: Gut ausgebildete Facharbeiter*innen aus den Niederlanden, Frankreich oder gar aus den neutralen Staaten Spanien oder Schweiz waren privilegiert, teilweise auch in ihrer Unterbringung in privaten Quartieren. Andere Menschen mussten schwere körperliche Arbeiten im Werk oder im Tagebau verrichten.

Auch Landwirtschaft, Gewerbe, Handwerk und sogar kinderreiche Familien der Region bezogen Zwangsarbeiter*innen aus dem Lager. Selbst der Rüstungsindustrie im nahegelegenen Leipzig dienten sie als Arbeitskräftereservoir. 

Die perfideste Ausbeutung erfolgte allerdings im Lager selbst: In einer Bordellbaracke (auf der Karte mit B-Baracke gekennzeichnet) wurden Frauen aus Frankreich und Polen zur Prostitution gezwungen. Ein Besuch diente zur Belohnung verdienter Zwangsarbeiter. Die Frauen, die ohne Unterbrechung sechs Monate vor Ort arbeiten mussten, empfangen täglich 20 bis 25 Freier. Zwangsarbeiterinnen waren sexuellen Übergriffen weitestgehend schutzlos ausgeliefert. Überliefert ist der Missbrauch zweier ukrainischer Zwangsarbeiterinnen durch einen deutschen Vorarbeiter, der allerdings straffrei blieb, weil der Werksschutz den zahlreichen Zeugenaussagen nicht glaubte. Schwangerschaft war eine weitere Gefahr und häufig kam es zu Zwangsabtreibungen. Sollte doch einmal ein Kind ausgetragen werden, so bestand eine separate Entbindungsbaracke in Espenhain. Hier wurden zwischen 1942 und 1945 – so die Forschungen des Lobstädter Historikers Werner Winkler – mindestens 46 Kinder geboren, von denen 39 als „Zwangsarbeiterinnenkinder“ zählten. Zwölf der Kinder überlebten nicht.

Die Zustände wollte ein Teil der Zwangsarbeiter*innen nicht hinnehmen. Die einfachste Möglichkeit war Flucht. Allein zwischen Juli 1941 und Januar 1942 gab es 17 Fluchten. Andere organisierten sich im Widerstand. So bildetet sich beispielsweise eine französische Résistance-Gruppe mit ca. 60 Mitgliedern. Hieran war auch mindestens eine Italienerin beteiligt. Die Gruppe organisierte Fluchten, bereitete einen Aufstand vor und suchte nach Möglichkeiten zur Sabotage. Nach ihrer Entdeckung 1943 wurden mindestens 49 Gruppenmitglieder von der Gestapo verhaftet; ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.

 

Sterben und Überleben in Zwangsarbeit

Bedrohungen für Leib und Leben bestanden für alle Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter*innen in Espenhain, allerdings nicht in gleichem Maße. Die größte Bedrohung für sie stellten die Luftangriffe der Alliierten dar, da sie keinen Zutritt zu Luftschutzräumen hatten. Kriegsgefangene wurden sogar in ihren Baracken eingesperrt. Pfingsten 1944 führte dies zu einer Katastrophe: Eine einzelne Bombe traf eine Baracke mit französischen Kriegsgefangenen, in der 128 von ihnen starben. 

Fast ebenso groß war die Gefahr durch Krankheiten und Hunger. Ein Beispiel zeigt die Überschneidung von Bedrohungen: Alfons M., ein 17-jähriger italienischer Militärinternierter – eine besonders schlecht behandelte Gruppe – wurde im Dorf Mölbis verhaftet und der Gestapo übergeben, weil er nach Lebensmitteln gebettelt hatte. 

Die schlechten Arbeitsbedingungen und der geringe Arbeitsschutz, vor allem im Tagebau, führten wiederum zum Tod von mindestens 24 Personen. Selbst Suizide gab es in Espenhain. Insgesamt überlebten mindestens 285 Menschen die Zeit in den Lagern nicht.

Leben und vor allem Überleben hingen auch von Zufällen ab. Ein wichtiger Faktor war das Verhalten der deutschen Zivilisten. Maria Ostapowna Owod (1924–1998) aus der Ukraine, die seit 1943 im Kraftwerk Espenhain tätig war, überlebte, weil sie jeden Sonntag – ihrem einzigen freien Tag – bei einem Bauern im rund zehn Kilometer von Espenhain entfernten Neukieritzsch zusätzlich half und dafür Lebensmittel von diesem erhielt. Das Verhältnis scheint gut gewesen zu sein, da sie auch nach dem Krieg Kontakt zur Familie hielt.

Wie diffus die Einteilung in „Rassen“ war, zeigt das Beispiel von Josef Czaikowski: Er wurde 1911 in Chocz in Polen geboren und lebte als Staatenloser bereits vor 1931 im Gebiet der Amtshauptmannschaft Borna. Ab 1938 als regulärer Mitarbeiter in Espenhain beschäftigt und als zuverlässig bewertet, wohnte er noch 1941 als normaler Bürger in Regis-Breitingen. Eine Einschätzung der NSDAP-Kreisleitung änderte alles: Nun wurde er als „unzuverlässig“ eingeschätzt und musste in das Zwangsarbeitslager Espenhain umziehen. Die schlechtere Versorgungs- und Hygienesituation gefährdeten nun sein Leben. Sein weiteres Schicksal lässt sich aus den Akten nicht rekonstruieren.

Die Ukrainerin Maria Ostapowna Owod (1924–1998), die seit 1943 im Kraftwerk Espenhain tätig war, überlebte, weil sie an jedem Sonntag bei einem Bauern im rund zehn Kilometer von Espenhain entfernten Neukieritzsch zusätzlich half und dafür Lebensmittel von diesem erhielt.

(Bildrechte: © Hella Hallert)

Erinnerungsarbeit vor Ort und im World Wide Web

Heute, mehr als 75 Jahre nach Kriegsende, stellt sich auch in Espenhain die Frage nach der Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Bisher erinnert nichts im Dorf an die Geschichte der Zwangsarbeit. Zwei Gedenksteine weisen auf die Geschichte von Tagebau und Werk hin, ohne allerdings den Zeitraum 1939 bis 1945 zu würdigen. Viele der Opfer sind außerhalb, in den Kriegsgräberstätten im nahen Böhlen (Ehrenhain Pulgar) oder in Großzössen beerdigt. Nur wenige erhielten Einzelgräber, wie etwa auf dem Friedhof in Oelzschau. Dieses mangelnde Interesse an der eigenen Geschichte ist umso bemerkenswerter, da Espenhain im ostdeutschen Gedächtnis eine große Rolle spielt, sogar in Bezug auf den Zwangsarbeitseinsatz. Das bekannte Lied „Über sieben Brücken mußt du gehen“ erzählt eine Liebesgeschichte in Espenhain zwischen einer Deutschen und einem Polen. Sein Vater war bereits im Nationalsozialismus hier und leistete Zwangsarbeit. Der Sohn wiederum war polnischer „Vertragsarbeiter“, der das Kraftwerk Thierbach in den 1960er-Jahren miterrichtete.

Seit 2019 bemüht sich eine kleine Initiative, gefördert durch den Kulturbahnhof e.V. Markkleeberg, die Erinnerung an die nationalsozialistische Zwangsarbeit in Espenhain aufrecht zu erhalten. Wichtig ist den Initiator*innen hierbei die Partizipation der ortsansässigen Bevölkerung. Hierzu wurde sowohl 2019 als auch 2020 an alle Haushalte in Espenhain und im angrenzenden Dorf Mölbis ein Flyer verteilt. Dieser lud die Ansässigen zu Rundgängen zu den Orten der Zwangsarbeit, einer Podiumsdiskussion und einem Workshop ein. Besonders der Workshop 2020 in der Orangerie Mölbis ging der Frage nach, wie an die NS-Zwangsarbeit erinnert werden kann. Hierzu trafen lokale Akteur*innen und interessierte Bewohner*innen auf Expert*innen der Erinnerungskultur sowie Künstler*innen und debattierten Möglichkeiten des Gedenkens. Am Ende stand der Auftrag an den Berliner Künstler Simon Korn, einen Entwurf für einen „Erinnerungsautomaten“ zu schaffen, der mit Videos, Dokumenten und Bildern dem Betrachtenden die Möglichkeit geben soll, sich selbst zu informieren. Die Präsentation in Espenhain ist aktuell für September 2021 geplant. Zeitgleich begann die Arbeit an der Website zwangsarbeit-espenhain.info, deren Fertigstellung ebenfalls für Sommer 2021 geplant ist. Diese Webpräsenz trägt auch der Tatsache Rechnung, dass sich auch heute noch immer wieder Nachkommen von damaligen Zwangsarbeiter*innen – unter anderem aus Kanada oder Frankreich – über deren Schicksal zu informieren versuchen.

Parallel finden – unterbrochen von der COVID-Pandemie – Gesprächsrunden im Gasthof Aspe statt, um engagierte Espenhainer*innen, ihre Interessen und Meinungen in den Aufarbeitungsprozess zu integrieren. Gerade durch diese mögliche Partizipation unterscheidet sich das Projekt von anderen Erinnerungsinitiativen, sowohl aus der DDR- als auch der bisherigen Nachwende-Zeit, und trägt somit den heutigen Erwartungen nach demokratischer Mitbestimmung Rechnung.

 

Lektürehinweise:

Thomas Urban, Zwangsarbeit im Tagebau: Der Einsatz von Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern im Mitteldeutschen Braunkohlenbergbau 1939 bis 1945, Klartext Verlag 2006.

Martin Baumert, NS-Zwangsarbeit und Erinnerungskultur im Landkreis Leipzig: Das Beispiel Böhlen-Espenhain, in: Detlev Brunner/Alfons Kenkmann (Hrsg.): Leipzig im Nationalsozialismus. Beiträge zu Zwangsarbeit, Verfolgung und Widerstand, Leipziger Universitätsverlag 2016

Kulturbahnhof e.V. (Hg.), Die Zukunft des Vergangenen, Eigenverlag 2012.

Die Autoren

Martin Haufe ist freier Künstler und kultureller Bildner aus Leipzig. Martin Baumert ist als Historiker am Deutschen Bergbau-Museum Bochum tätig. Beide sind an dem Erinnerungsprojekt zur nationalsozialistischen Zwangsarbeit in Espenhain beteiligt.

 

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