Das Völkerschlacht-Denkmal zu Leipzig.

Wenn Bücher sprechen könnten: Provenienzforschung der Universitätsbibliothek Leipzig


von Cordula Reuß 

Überall in der Geschichte Sachsens findet man historisch-kulturelle Spuren jüdischen Lebens. Auch die Universitätsbibliothek Leipzig (UBL) hat in ihren wertvollen und zahlreichen Altbeständen sowohl bedeutende Hebraica und Judaica als auch Sammlungen, die auf jüdische Wissenschaftler und Bibliophile zurückgehen.

Ein problematisches Kapitel in der Geschichte der UB Leipzig ist es hingegen, dass sie auch Bücher im Bestand hat, die jüdischen Bürgern oder Organisationen in der Zeit das Nationalsozialismus durch Raub, Enteignung oder Zwangsverkauf entzogen wurden. Die Universitätsbibliothek forscht seit 2008 in ihren Erwerbungen nach Büchern, die in der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig in ihren Bestand kamen. Beginnend mit einem drittmittelgeförderten Projekt durch den Bundesbeauftragten für Kultur der Bundesregierung zur Provenienzforschung wurden rund 4.000 Bücher als NS-Raubgut identifiziert, eine ganze Reihe davon konnte auch bereits an die Erben der Eigentümer restituiert werden. Unter diesen Medien befinden sich, neben Büchern aus dem Eigentum von Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaften, Freimauerlogen oder den Zeugen Jehovas, eine ganze Reihe aus jüdischem Besitz. Die Ausstellung „NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Leipzig“ von November 2011 bis März 2012 in der Bibliotheca Albertina sowie ein zugehöriger Ausstellungskatalog machten die Ergebnisse des Projektes der Öffentlichkeit zugänglich.

Bei der Recherche nach Beständen, die während des Nationalsozialismus geraubt wurden, konnten wir uns zunächst auf individuelle Merkmale in den jeweiligen Büchern selbst stützen, also z.B. Exlibris, handschriftliche Eintragungen wie Autogramme, Widmungen, aber auch Wappen, Stempel, die Auskunft über die Herkunft, den Vorbesitz oder die Zueignung von Büchern geben. Hinzu kommen archivalische Quellen wie die Zugangsbücher, Rechnungen, Protokolle und andere Akten in der Altregistratur der UBL, ferner Universitäts- und Staatsarchive, Provenienzvermerke anderer Bibliotheken in Verbünden, aber auch Datenbanken, etwa die Opferdatenbank der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem oder Lost-Art-Datenbanken. Sehr wichtig und hilfreich ist außerdem die Zusammenarbeit der Provenienzforscher innerhalb Deutschlands und darüber hinaus. 

Der Privatgelehrte Siegfried Bon aus Leipzig

1943 erhielt die UB Leipzig über die Gestapo ein Buch mit dem Titel Von den mathematischen Grundbegriffen, erschienen vier Jahre zuvor als Band 3 des Gesamtwerkes Ist es wahr dass 2x2=4 ist? in Leipzig im Verlag Reinicke. Der Autor ist Fred (Siegfried) Bon. Das Buch enthält keine individuellen Merkmale wie Stempel oder handschriftliche Eintragungen. Trotzdem konnte über den Autor und wohl auch letzten Besitzer dieses Werkes einiges in Erfahrung gebracht werden: In der Altregistratur der UB Leipzig ist er durch einen Briefwechsel als Leser mit dem Direktor der Universitätsbibliothek, Otto Glauning (1876-1941), aber auch als Stipendiat der Nahida-Lazarus-Stiftung, deren Vorsitz Glauning innehatte, vertreten. 

Der jüdische Privatgelehrte Dr. Siegfried (Fred) Bon kam 1871 in Leipzig zur Welt. An der Universität Leipzig studierte er Naturwissenschaften und Philosophie. 1896 promovierte Bon mit der Arbeit Grundzüge der wissenschaftlichen und technischen Ethik, erschienen bei W. Engelmann in Leipzig 1896. Danach hielt er sich zu Studien in Zürich und Wien auf. In dieser Zeit veröffentlichte er weitere Arbeiten wie Über Sollen und das Gute, die Dogmen der Erkenntnistheorie, und Ist es wahr, dass 2x2=4 ist?, (Band 1 bei E. Reinicke in Leipzig 1913) sowie weitere Beiträge in Zeitschriften. 

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Bon freiwillig, wurde schließlich Garnisionsverwaltungsinspektor in Posen und später in Glogau, wo er bis 1919 seinen Dienst tat. Die Inflation ließ sein Vermögen schmelzen, deshalb erlernte er einen kaufmännischen Beruf und beteiligte sich an einer Firmengründung, die 1928 in einem Desaster endete. Eine Anstellung bekam er im nun schon fortgeschrittenen Alter nicht mehr. Gemäß den in der Altregistratur der UB Leipzig befindlichen Akten stellte Bon 1934 den Antrag auf ein Stipendium der Nahida-Lazarus-Stiftung, einer jüdischen Stiftung an der Universität Leipzig zur Unterstützung armer Studenten der Philosophie und für notleidende Privatgelehrte. Die Stiftung geht auf Nahida Ruth Lazarus (geb. Sturmhöfel) zurück, eine Frau, die sich zu ihrer Zeit als erfolgreiche Schriftstellerin und vor allem als Propagandistin von Leben und Werk ihres zweiten Mannes, des jüdischen Gelehrten Moritz Lazarus, einen Namen gemacht hatte.

Die Akten befinden sich deshalb in der UB Leipzig, weil Nahida Lazarus in ihrem Testament ein Kuratorium der Stiftung einsetzte, bestehend aus dem Direktor der UB Leipzig, Otto Glauning, dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde Leipzig, Carl Goldschmidt sowie dem ordentlichen Professor für Philosophie und Pädagogik und Direktor des Philosophisch-pädagogischen Instituts der Universität, Theodor Litt (1880-1962) sowie dem Direktor des historischen Seminars und Ordinarius für Neuere Geschichte, Erich Brandenburg (1868-1946). Alle Beteiligten des Kuratoriums stimmten dafür, Dr. Bon das Stipendium für ein Jahr zu gewähren.

Das Leben von Siegfried Bon endete tragisch: Am 26. April 1936 wandte er sich schwerkrank an Glauning mit der Bitte, als Mitglied der Akademischen Selbsthilfe auch wie bisher die Vergünstigung in Anspruch zu nehmen, „je einen Band aus der Bibliothek mit nach Hause entleihen zu dürfen“. Und weiter heißt es: „Da ich zufolge des Arierparagraphen der Selbsthilfe nicht mehr angehören kann, bitte ich höflichst, mir die gleiche Vergünstigung von dort aus zu gewähren. Eine Benutzung im Lesesaal ist mir sehr erschwert, da ich am Gehen gehindert bin und mir für die Benutzung der Straßenbahn die Mittel fehlen. Ich [bin] - seit mehr als vierzig Jahren Benutzer der Universitätsbibliothek und Dr. summa cum laude der Universitas Lipsiensis.“

Nach einer Rückfrage gewährte ihm Glauning diese Vergünstigung mit einem Antwortschreiben vom 8. Mai 1936. Weitere Unterstützung erfuhr Fred Bon nicht. In Leipzig wohnte er zuletzt im Altersheim Auenstrasse 14, dem heutigen Ariowitschhaus. Er wurde im September 1940 nach Theresienstadt deportiert und kam dort am 10. April 1944 ums Leben. Warum erst 1943 über die Gestapo innerhalb eines größeren Postens Bücher eines seiner Werke in den Besitz der UB Leipzig kam, konnte bisher nicht geklärt werden. Auch gibt es bislang keine Hinweise auf Erben. 

Provenienzforschung an Bibliotheken ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der einzelnen Einrichtungen in der Zeit des Nationalsozialismus. 

Bücher des Sprachwissenschaftlers Victor Armhaus 

Aus der Bibliothek von Victor Armhaus konnten im Rahmen des Provinienz-Projekts 65 Bücher im Bestand der UB Leipzig ermittelt werden. Sie tragen seinen handschriftlichen Namenszug, einen Stempel mit seinem Namen oder einen Eigentumsstempel seines Übersetzerbüros.

Victor Armhaus wurde am 13.Oktober 1859 in Dubiecko in Galizien geboren. Nach der Übersiedelung nach Leipzig gemeinsam mit seiner Mutter studierte er zunächst Medizin. Schnell jedoch erkannte er seine herausragende Sprachbegabung und wechselte zur Sprachwissenschaft; 1889 eröffnete er ein Übersetzungsbüro. Als verpflichteter Dolmetscher bei den Leipziger Gerichten übersetzte er für 23 Sprachen. 1899 zog das Büro in seine Wohnung (Emilienstrasse 28) um. Neben seiner Mutter lebte hier auch seine unverheiratete Schwester Adele, die im Dezember 1927 64-jährig verstarb.

Nach den Erinnerungen seines Neffen Martin Einschlag war Armhaus, nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, bereits 74-jährig noch als Dolmetscher im Reichstagsbrand-Prozess tätig. 1934 verlor er dann seine Arbeit bei den Leipziger Gerichten. Zwei Jahre später zog er von der Emilienstrasse 28 zu seinen beiden unverheirateten Nichten in die Promenadenstrasse 33 am Westplatz. Dort stand Armhaus‘ wertvolle Bibliothek in seinen beiden Zimmern und dem Vorsaal. Bei der sogenannten Polenaktion wurden die Nichten sowie deren Bruder, der Maler Eduard Einschlag, und dessen Frau am 28. Oktober 1938 ins „Niemandsland“ an die polnische Grenze deportiert. Victor Armhaus blieb allein zurück und musste, fast 80-jährig, in ein winziges Zimmer im Hinterhaus des israelitischen Altersheims in der Auenstraße 14 (heute Hinrichsenstraße) umziehen. Auf seine gesamte Wohnungseinrichtung sowie auf große Teile seiner umfangreichen sprachwissenschaftlichen Bibliothek hatte er dabei verzichten müssen. 

Trotzdem verlor er nicht den Lebensmut, wie Briefe einer nichtjüdischen Bekannten, Käthe Paul, die ihn auf eigene Gefahr besuchte und Kontakt mit ihm hielt, beweisen. Im September 1942 wurde Victor Armhaus 83-jährig nach Theresienstadt deportiert; er kam dort am 7. November 1942 ums Leben. 1956 wurde ein Gedenkblatt für ihn in der Gedenkstätte zum Holocaust in Yad Vashem durch Verwandte angelegt. In Leipzig wurde in der Emilienstraße 28 für Victor Armhaus im Dezember 2007 ein Stolperstein zum Gedenken gesetzt.

Wie häufig bei der Suche nach beschlagnahmten Beständen war es manchmal ein einzelner Buchfund, der eine weitere Suche auslöste und zu umfangreichen Bestandsrecherchen führte. Bereits 2001 suchte Grit Nitzsche über einen Werkvertrag der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste Magdeburg anhand von Stichproben nach unrechtmäßig erworbenen Beständen in der UB Leipzig. In einem unbearbeiteten Bestand an Hebraica fand sie auch ein Buch mit dem Stempel von Victor Armhaus. Ihre Suche nach rechtmäßigen Erben blieb damals erfolglos. In ihrem Beitrag im Begleitkatalog zur Ausstellung des Leipziger Stadtgeschichtlichen Museums «Arisierung in Leipzig» von 2007 erwähnte sie den Fund eines Buches von Victor Armhaus. Daraufhin meldete sich ein Vertreter der rechtmäßigen Erben, der Rechtsanwalt Hubert Lang. Das Buch wurde restituiert und die UB Leipzig versprach, im Rahmen des Projekts NS-Raubgut nach weiteren Büchern von Armhaus aus ihren Beständen zu suchen. 

Bei der Durchsicht der Zugangsbücher der Gestapo sowie weiterer Zugänge in der Zeit 1933-1945 blieb die Suche zuerst erfolglos. Stichproben in späteren Zugangsbüchern ergaben aber, dass die UB Leipzig, deren Hauptgebäude im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen wurde und deren Bestände zeitweise ausgelagert waren, viele Bücher der letzten Kriegsjahre erst in den 1960er Jahren einzuarbeiten begann. So wurden diese Zugänge einer näheren Prüfung unterzogen, bei denen als Lieferant „Altbestand Keller“ oder „Geschenk Studentenwerk Leipzig“ stand. 

Inzwischen wurden 65 Bücher gefunden, die den Stempel oder den Namenszug von Victor Armhaus tragen. Darunter befinden sich zahlreiche Wörterbücher in verschiedenen Sprachen, aber auch Belletristik (englische, deutsche, portugiesische, französische in Originalsprachen) sowie Titel zur Geschichte des Judentums, jedoch keine Hebraica. Über welche Zwischenstationen diese Bücher in die UB Leipzig kamen, ist bisher nicht nachvollziehbar. 

Über den Rechtsanwalt Hubert Lang verfügten die in Israel lebenden Erben, dass alle Bücher aus Armhaus’ Besitz zu seinem Gedenken in der Leipziger Universitätsbibliothek verbleiben und darüber hinaus alle Bücher aus seinem Besitz, die in anderen Bibliotheken als NS-Raubgut gefunden wurden, also in der Staatsbibliothek Berlin und in der Sächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, ebenfalls in der UB Leipzig gesammelt werden. Sie stehen nun im Bereich Sondersammlung; im Katalog der Bibliothek sind sie über die Kategorie „Provenienz“ recherchierbar. Damit wird an diesen bedeutenden Leipziger jüdischen Mitbürger Victor Armhaus und sein Schicksal gedacht.

Provenienzforschung an Bibliotheken ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der einzelnen Einrichtungen in der Zeit des Nationalsozialismus. Darüber hinaus gibt es weitere Bestände, vor allem in ostdeutschen Bibliotheken, die unrechtmäßig erworben wurden. Das betrifft Erwerbungen in der Zeit der sowjetischen Besatzungszone (1945–1949) sowie die nachfolgende Enteignung von Großgrund- und Schlossbesitzern in der DDR. Auch hier gibt es oft Anspruchsberechtigte für eine Restitution. Das gilt schließlich auch für Enteignungen von privaten Betrieben, privaten Sammlern und Händlern ab den 1970er Jahren auf Grundlage von Steuerstrafverfahren bei Ausreisen aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland.
Die Erforschung der Herkunft von Büchern und Sammlungen in Bibliotheken ist außerdem ein Beitrag zur Wissenschafts- und Personengeschichte ihrer Vorbesitzer sowie zur Erwerbungsgeschichte von Bibliotheken. Sie sollte deshalb – personell ausreichend ausgestattet – als eine regelmäßige Aufgabe von Bibliotheken angesehen werden und nicht ausschließlich über Projekte, die immer nur kleine Teilbestände bearbeiten können, erfolgen. Die überregionale Zusammenarbeit zwischen den Bibliotheken ist dabei ebenso von Belang wie eine überregionale Verzeichnung der Provenienzen. 

Die Autorin

Cordula Reuß ist seit 2003 Stellvertretende Bereichsleiterin Bestandsentwicklung und Metadaten der Universitätsbibliothek Leipzig und seit 2016 zusätzlich Provenienzbeauftragte. Von 2009 bis 2011 leitete sie das Projekt „NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Leipzig“.

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