"Living Library": Jedermensch e.V. bringt Menschen zusammen
Zwei Personen sitzen im Park auf einer Bank und sprechen miteinander, im Rahmen der Living Library von Jedermensch e.V.

Miteinander statt übereinander reden – in der „Living Library“

Ein bundesweit einmaliges Projekt aus Mitteldeutschland macht Erfahrungen lebendig – in Gesprächen von Mensch zu Mensch. Eine Projektverantwortliche über Konzept und Erfahrungen einer Vielfalt von „lebendigen Büchern“.
 

von Liane Brandt

Wann war der Punkt, als du wusstest, dass du flüchten musst? Wie hast du entschieden, was du auf deine Flucht mitnimmst und was du zurücklässt? Was hast du gefühlt, als dir mitgeteilt wurde, dass du zukünftig auf einen Rollstuhl angewiesen sein wirst? Wann und wieso reifte die Entscheidung, dein Äußeres und deinen Namen an ein anderes Geschlecht anzupassen? Wie fühlt es sich an, mit einer psychischen Erkrankung zu leben? Wenn wir auf Menschen treffen, die Außergewöhnliches erleben oder erlebt haben, brennen uns viele Fragen unter den Nägeln. Aus Angst etwas Falsches zu sagen oder gar den Gegenüber zu verletzen, trauen wir uns aber meist nicht, diese Fragen zu stellen. Wir sind so sehr an dieses Verhalten gewöhnt, dass wir uns fast nur noch mit Menschen umgeben, die uns selbst ähneln. Das Resultat: Wir verstehen andere Lebensentwürfe, Kulturen oder Denkweisen (meist) nicht mehr. Im Extremfall führt dies zu Abschottung, Polarisierung bis hin zur Radikalisierung. 

Das Projekt „Living Library“ (lebendige Bibliothek) des Vereins Jedermensch e.V. aus Halle (Saale) ermutigt Menschen, genau diese Fragen offen an Betroffene zu stellen. In einer klassischen Bibliothek werden Bücher ausgeliehen – in der Living Library sind es Lebensgeschichten echter Personen. 

Die Idee der Living Libraries ist als solche nicht neu: Sie werden seit Jahrzehnten als öffentliche Events weltweit von zivilgesellschaftlichen Organisationen veranstaltet. 

Die Pädagog*innen des Jedermensch e.V. haben aber die Methode bundesweit einmalig in einem nachhaltigen, interaktiven Workshop für Schulen oder als Weiterbildung für Erwachsene didaktisch eingebettet. So wissen bei den Living Libraries des Vereins die Teilnehmenden vorab normalerweise nicht, dass sie ins Gespräch mit real existierenden Menschen kommen werden. Zu Beginn erhalten die Teilnehmenden einen kurzen Text, welcher die wesentlichen Aspekte einer Person (sozusagen der Cover-Text eines „lebendigen Buchs“) beschreibt und sollen sich anhand dessen unter anderem überlegen, wie sie sich die Person vorstellen. Im Anschluss dürfen die Teilnehmenden in kleinen Gruppen mit denjenigen Menschen sprechen, deren Geschichte sie gerade gelesen haben. Dabei darf und soll alles gefragt werden. Wurde zuvor beim Lesen der Kurzbiografien etwa noch vermutet, dass diese „nicht wahr sein können“, zeigen sich die Teilnehmenden nach den Gesprächen oft sehr überrascht, wie daneben sie mit ihren Vorstellungen lagen.

„Ich hatte während der gesamten Veranstaltung Gänsehaut, da ich überhaupt nicht damit gerechnet habe, dass die fiktiven Fälle plötzlich in der Realität vor einem stehen.“

Teilnehmenden-Feedback zu den „Living Libraries“

Intensive Erfahrungen jenseits von klassischen Bildungsformaten

Durch das Programm führen erfahrene Trainer*innen, welche außerdem die „lebendigen Bücher“ begleiten, um eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Bei der Methode nehmen die Teilnehmenden nicht nur passiv Wissen auf, sondern beteiligen sich aktiv. Sie wählen selbst, welche Fragen sie stellen und welchen Fokus sie setzen. So können intensive und intime Erfahrungen erfragt und geteilt werden, die in klassischen Bildungsformaten kaum Raum finden. 

Ein solches „lebendiges Buch“ ist Arna*. In Kenia studierte sie Deutsch und Geografie auf Lehramt und arbeitete dort mit Leidenschaft als Lehrerin. Nach Deutschland kam sie mit großen Erwartungen über ein Stipendium für ihre Doktorarbeit. Nachdem sie als Schwarze Frau hier allerdings viel Rassismus und Sexismus erleben musste, traute sie sich zunächst nicht zu, hier als Lehrerin zu arbeiten. Nach vielen Gesprächen mit Schüler*innen und Erwachsenen während der Living Libraries fasste sie jedoch neues Vertrauen und arbeitet inzwischen mit Freude in einem wertschätzenden Kollegium als Lehrerin in einer Grundschule. 

Ein anderes Beispiel ist Romy*. Romy wuchs in einer Kleinstadt in Hessen auf, in der es keine Berührungspunkte zum Thema Queer gab, aber merkte schon früh, dass weder weiblich noch männlich so richtig zu Romy passen. Aus Angst fehlerhaft zu sein, unterdrückte Romy dieses Gefühl eine lange Zeit. Der innere Widerspruch wurde irgendwann so stark, dass daraus körperliche Schmerzen und schwere Depressionen erwuchsen. Heute ist Romy im Freundeskreis als non-binär geoutet. Zu den Eltern hat Romy allerdings keinen Kontakt mehr, da diese Romy nicht verstehen.

Damit aus Schubladen keine Vorurteile werden 

Einer der Initiatoren des Projekts ist Peer Belz. Gemeinsam mit weiteren koordiniert und führt er die Living Libraries durch. „Wir alle denken in Schubladen. Das hilft uns, in unserer komplexen Welt zurecht zu kommen“, so Peer. „Lesen wir beispielsweise Name, Alter, Geschlecht und Beruf einer Person, haben wir direkt eine Vorstellung im Kopf, wie diese Person aussieht und sich verhält. Schaffen wir es aber nicht diese Schubladen zu reflektieren, werden aus Schubladen schnell Vorurteile.“

„Es hat mir wirklich geholfen mir über manche Themen mehr ein Bild zu machen und eine bessere Meinung zu bilden. Ich hoffe Ihr macht es weiter an anderen Schulen, um anderen Schüler*innen wie auch mir zu helfen.“

Feedback einer Teilnehmerin der „Living Libraries“

 

(Foto: © Jedermensch e.V., M.-A. Mohr)

Fragt man unter den inzwischen über 70 „lebendigen Büchern“ mit ganz unterschiedlichen Marginalisierungserfahrungen nach, schätzen diese die Gespräche mit den Teilnehmenden und auch den anderen „Büchern“ sehr: „Die Living Libraries sind wohltuend, da sie immer wieder zur Selbstreflexion animieren. Es ist spannend, sich mit so unterschiedlichen Menschen letztendlich über dieselben Themen und Erfahrungen zu unterhalten. Man erfährt, dass man in diesem Struggle nicht allein ist“, meint Pavel*, der während der Living Libraries über seine Erfahrungen als Jude mit russischen und nigerianischen Wurzeln spricht. Jan* wiederum freut sich insbesondere über den Austausch zwischen den Generationen: Er war vor der Wiedervereinigung aus der DDR in die BRD geflohen und bringt so immer wieder in Erinnerung, dass sich auch hier vor nicht allzu langer Zeit Menschen gezwungen sahen, ihre vertraute Umgebung hinter sich zu lassen und auf freundliche Menschen am Ankunftsort angewiesen waren.

Eine Stimme für jene, die sonst kaum gehört werden

Allein im Jahr 2025 gab es über 90 Living Libraries, mit insgesamt mehr als 1.700 Teilnehmenden in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Berlin. Inzwischen muss der Jedermensch e.V. die Suche nach neuen „lebendigen Büchern“ nicht einmal mehr aktiv bewerben – in den jeweiligen Communities wird das Konzept offenbar mit solch einer Strahlkraft weitergetragen, dass fast wöchentlich neue Anfragen zum Mitmachen ankommen. 

Die Living Libraries geben Menschen nachhaltig eine Stimme, die sonst kaum Gehör finden. Sie provozieren Perspektivwechsel, wodurch die Sensibilität für Diskriminierungen, der respektvolle Umgang miteinander und der Abbau von Unsicherheiten bis Vorurteilen gestärkt werden. Vielfalt wird als unerschöpfliche Ressource von spannenden und zugleich tief emotionalen Geschichten erlebt. 

Wer sich selbst einmal ein Bild machen möchte, kann auch zu den unregelmäßig stattfindenden öffentlichen Living Libraries des Vereins vorbeikommen, die jeweils auf der Webseite angekündigt werden.


* Namen zum Schutz der Personen geändert

Liane Brandt ist studierte Physikerin und koordiniert die Living Libraries für den Jedermensch e.V. aus Halle (Saale).

 

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