„Fräulein Lesbos“ und die Dichterfürsten von Weimar
Vor 250 Jahren wurde Amalie von Imhoff geboren, die vielen als literarisches Ziehkind von Goethe und Schiller gilt.
von Frank Kaltofen
Sucht man unter der eher männlich dominierten Prominentenriege des klassischen Weimars nach weiblichen Namen, tauchen vor allem diese drei immer wieder auf: die Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach Anna Amalia, Goethes Ehefrau Christiane (geb. Vulpius) sowie die Hofdame Charlotte von Stein. Gute Chancen einer Erwähnung haben ferner Schillers Ehefrau Charlotte (geb. von Lengefeld) und Goethes Schwiegertochter Ottilie (geb. von Pogwisch).
Deutlich seltener wird man auf den Namen Amalie von Helvig stoßen. Wenn doch, taucht sie in den Personenregistern von Sachbüchern und Biografien meist unter ihrem Mädchennamen auf: Amalie von Imhoff. Als Tochter des Miniaturenmalers Carl von Imhoff kommt sie am 16. August 1776 in Weimar zur Welt. Ihre Mutter Louise ist eine Schwester Charlotte von Steins, der bereits erwähnten engen Vertrauten Goethes. Letzterer ist einer der ersten Gratulanten am Wochenbett Louises, dokumentiert Detlef Brennecke in Amalie von Helvig – Vom Weimarer Mittwochskränzchen zum Berliner Salon, der bislang umfassendsten Amalie-Biografie.
In Weimars eng verwobener Kulturszene
Durch die familiären Verquickungen – und als Patenkind Anna Amalias – kommt Amalie von Imhoff seit ihrer frühen Jugend in Berührung mit dem kulturellen Zirkel um den Weimarer Hof. 1785 übersiedelten die Imhoffs vom Familiengut Mörlach im heutigen Mittelfranken vollends nach Weimar; Amalie wird allerdings nach Erlangen auf ein „Töchterpensionat“ geschickt. Erst 1791 kommt sie, nach dem frühen Tod ihres Vaters, als nun schon Jugendliche zurück in die Ilmstadt.
Hier wird Amalie in Literatur, Griechisch, Musik und Malerei unterrichtet – und wird spätestens ab 1794 auch selbst literarisch produktiv. Anfang 1796 dann verfasst sie einen poetischen Beitrag für einen Maskenball zu Ehren der Herzogin Luise. Friedrich Schiller erfährt in Jena über Umwege von ihrer Urheberschaft und lässt seine Ehefrau über Amalies Tante Charlotte von Stein eine Einladung an die junge Frau übermitteln. „Gleichsam über Nacht war Amalie von Imhoff ins kreuz und quer verwandte, verschwippte und verschwägerte geistige Zentrum ihrer Tage getreten“, bescheinigt Biograf Brennecke. Teils über Wochen sei sie danach in Jena bei den Schillers gewesen, auch Goethe kommt zu Besuch, man sitzt als Viererrunde abends beisammen. „Wie mit väterlichem Wohlbehagen beobachtete Goethe die Entwicklung seines Schützlings seit Kindertagen“, schreibt Brennecke weiter und zitiert aus einem Brief Goethes, der Amalie „ein recht schönes poetisches Talent“ bescheinigt.
Der Weg zur ersten Veröffentlichung
Schiller wiederum möchte Amalie für eine Veröffentlichung in seiner Zeitschrift Die Horen gewinnen. Brisant dabei: Der Schiller-Biograph Norbert Oellers weist beiläufig in einer Fußnote darauf hin, die Zuneigung des fast 17 Jahre älteren Dichters gegenüber Amalie scheine „freilich nicht nur platonischer Natur gewesen zu sein“.
Hinsichtlich einer Publikation ihres Gedichts zögert Amalie zunächst. In einer Horen-Ausgabe des Jahrgangs 1797 erscheint dann doch ihr Maskenball-Gedicht, allerdings ohne Namen oder Kürzel. Detlef Brennecke zitiert aus einem Brief Amalies deren Wunsch, ihr „erster Eintritt in die literarische Welt sollte so still wie möglich seyn“.
Zugleich – auch darauf verweist der quellenkundige Biograf – zeige sich im Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller, wie Amalie „immer enger in die Rolle eines Zöglings“ der beiden Dichter hineinwächst. Im Dezember 1797 schreibt Goethe an Schiller, er sehe ein „weibliches Zeitalter“ der Horen gekommen (ein kurzes allerdings, denn die Monatszeitschrift, in der zu diesem Zeitpunkt auch Schillers Schwägerin Caroline von Wolzogen veröffentlicht, wird zum Ende 1797 eingestellt).
Bekanntheit durch „Die Schwestern von Lesbos“
Schiller gewinnt Amalie auch für das von ihm seit 1796 herausgegebene Musen-Almanach, in dem ihre Texte neben denen des Dichterduos sowie Wilhelm von Humboldts und August Wilhelm Schlegels erscheinen. Im Februar 1798 bezieht sich Goethe in einem Brief an Schiller dann auch auf Amalie erstmalig als „Schriftstellerin“ – für die damalige Zeit keineswegs selbstverständlich.
„Die Imhoff entwickelt ein recht schönes poetisches Talent; sie hat einige allerliebste Sachen zum Almanach gegeben.“
Goethe im Juli 1797
Ab 1798 arbeitet Amalie an Die Schwestern von Lesbos, einem eigenen Hexameter-Epos, wohl angeregt durch Goethes Hermann und Dorothea. Dieser lädt Amalie sogar ein, ihm erste Teile in seinem Weimarer Gartenhaus vorzutragen. Im Anschluss reicht er Amalies entstehendes Werk an Schiller zur Verwertung für das Musen-Almanach weiter. Der Dichterfreund äußert sich angetan gegenüber der jungen Autorin: „Die Exposition ist mit großer Geschicklichkeit gemacht, die Auflösung ist durch eine hohe Simplicität und Zartheit rührend.“
Goethe selbst ist später deutlich kritischer mit Amalies Arbeit, redigiert immer wieder ausführlich die Hexameter, das Jahr 1799 hindurch. Im Herbst 1800 schließlich wird Amalies mehrmals überarbeiteter Text veröffentlicht, diesmal durch das Kürzel „A.v.L.“ unschwer zuzuordnen. Die Schwestern von Lesbos wird in der Folge umfassend rezipiert und rezensiert, wie Detlef Brennecke ausführt: „Amalie von Imhoff, deren Werke so lange anonym erschienen waren, hatte sich über Nacht einen Namen gemacht“ – und zwar so sehr, dass Caroline Schlegel in einem Brief zwei Jahre später bloß (womöglich leicht abschätzig?) von „Fräulein Lesbos“ schreibt.
Zu diesem Zeitpunkt ist die Gemeinte mittlerweile Gesellschafterin der Herzogin Luise am Weimarer Hof; für größere literarische Projekte scheint jetzt die Zeit zu fehlen. Dennoch schreibt Amalie weiterhin Sonette und kurze Gedichte, nimmt auch an Goethes „Mittwochskränzchen“, einem exklusiven literarischen Zirkel in Weimar, teil.
Abschied aus Weimar, hin zur Romantik
Als Hofdame trifft Amalie wahrscheinlich 1802 auf einen schwedischen Major, der sich während eines längeren Aufenthalts in Deutschland in Weimar beim Herzog vorstellt. Im Jahr darauf werden Amalie und jener Carl von Helvig heiraten, sie folgt ihm wenig später nach Stockholm. 1810 aber kehrt sie mit ihren drei Kindern wieder nach Deutschland zurück: In Heidelberg ist sie zeitweise Teil des dortigen Romantikerkreises und auch wieder literarisch tätig.
Später in Berlin bietet sie mit einem literarischen Salon einen zentralen Treffpunkt von Vertretern der Weimarer Klassik in der preußischen Hauptstadt; laut Brennecke werden dort auch immer wieder Werke Goethes und Schillers vorgetragen und besprochen. Während ihrer Berliner Jahre setzt sich Amalie zudem intensiv für das Bekanntwerden schwedischer Literatur in Deutschland ein, übersetzt auch selbst die altnordische Frithjofssage in ihre Muttersprache.
Mit nur 55 Jahren stirbt Amalie von Helvig am 17. Dezember 1831 in Berlin. Auch wenn ihr Name und ihr literarisches Werk heute eher unter Fachleuten bekannt ist: Amalie war – nicht zuletzt angeregt durch ihr kreatives Umfeld in der Klassikerstadt an der Ilm – mehr als bloß eine „Nichte der Frau von Stein“, auf die sie in älteren biografischen Veröffentlichungen oftmals reduziert wird.
Detlef Brennecke:
Amalie von Helvig – Vom Weimarer Mittwochskränzchen zum Berliner Salon
Lukas Verlag
Festeinband, 285 Seiten