Amalie von Imhoff (von Helvig) und die Dichterfürsten in Weimar
Miniaturmalerei mit einem Porträt Amalie von Imhoffs

„Fräulein Lesbos“ und die Dichterfürsten von Weimar

Vor 250 Jahren wurde Amalie von Imhoff geboren, die vielen als literarisches Ziehkind von Goethe und Schiller gilt.


von Frank Kaltofen

Die englische Sprache kennt das schöne Wort „thalassophile“ – ein Substantiv, dass eine Person bezeichnet, die das Meer und den Ozean liebt und sich magnetisch davon angezogen fühlt.

Ob das deutsche Pendant „Thalassophiler“ zum immensen Sprachschatz Thomas Manns gehörte, lässt sich an dieser Stelle allenfalls mutmaßen. Wenn ja, dann hätte er es sicherlich für sich selbst verwendet. Davon kann man nach der Lektüre von Volker Weidermanns Mann vom Meer überzeugt sein. 

Weidermann ist Literaturkritiker, Journalist und Fernsehmoderator, war von 2015 bis 2019 Gastgeber des Literarischen Quartetts im ZDF. In seinem Buch schreibt er nicht einfach über Thomas Mann und „das“ Meer, er schreibt immer wieder: „sein Meer“. Die Ostsee. 

Der Begriff Sehnsuchtsort fasst es wohl am besten.

„Die Imhoff entwickelt ein recht schönes poetisches Talent; sie hat einige allerliebste Sachen zum Almanach gegeben.“

Friedrich Schiller im Juli 1797

Jahre später geht es für Thomas Mann auf und erstmals über ein Weltmeer: Atlantik-Querung, weg von Europa, in die USA. „From sea to shining sea“ hat Weidermann dieses Kapitel überschrieben, in Anlehnung an die markante Zeile aus America the beautiful. Und tatsächlich wird Mann beide Küsten sein Zuhause nennen: erst Princeton an der Ostküste, später siedelt er nach Kalifornien um, bezieht eine „lichtdurchflutete Bauhausvilla unter Palmen“, wie sein Biograf es fast neidisch umschreibt. Dort unweit des Pazifiks wird Mann auch seinen Doktor Faustus vollenden. 

Mit seiner Mann-Biografie versteht es Weidermann, die literarische Qualität, auch das Pathos, dieser Lebens- und ebenso sehr Familiengeschichte lebendig spürbar zu machen. Dabei sucht der Autor für sein Buch die Themen Strand und Meer, wo er nur kann – und wird auch immer wieder fündig. Wie sehr das eine Sinnstiftung ex post facto ist, die der Autor hier seinem Narrativ nach zurechtbiegt, sei an dieser Stelle dahingestellt. 

Schön liest es sich allemal. Weidermann erzählt wortgewandt, feuilletonistisch, aber nicht abgehoben. Er hat eine Art „Konzept-Biografie“ geschrieben, die man in dieser Art wohl selten finden wird. 

Detlef Brennecke:
Amalie von Helvig – Vom Weimarer Mittwochskränzchen zum Berliner Salon
Lukas Verlag
Festeinband, 285 Seiten

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