„Eine Flaschenpost aus der Frühzeit der Moderne“
Welche „Nachrichten an das 21. Jahrhundert“ sendet das große Goethe-Werk? Diese Frage stellt ein umfassender Sammelband in seinem Untertitel, herausgegeben von der Klassik Stiftung Weimar in diesem zu Ende gehenden Faust-Themenjahr.
von Frank Kaltofen
Ausstellungen, Aufführungen und nicht zuletzt das Kunstfest: Ein ganzes Themenjahr war in Weimar 2025 dem Faust-Stoff Goethes gewidmet. Die Klassik Stiftung hatte den 250. Jahrestag von Goethes Ankunft in Weimar zum Anlass genommen, den Faust von allen Seiten zu beleuchten. Der mehrfach preisgekrönte Verlag Spector Books aus Leipzig hat sich mit den Weimarern zusammengetan, um zudem ein gestalterisch imposantes Buchprojekt zu verwirklichen, das die Aktualität des großen Goethe-Klassikers thematisiert: Goethes Faust. Nachrichten an das 21. Jahrhundert.
Menschlicher Größenwahn und Naturbeherrschung, aus dem Nichts entstehende Geldwerte, künstliche Intelligenz – diese und weitere Jetzt-Bezüge drängen sich vor allem beim zweiten Teil von Goethes Faust-Dichtung geradezu auf. Es kommt sicherlich nicht von ungefähr, dass sich sowohl Regisseur Brett Bailey in seinem Kunstfest-Beitrag als auch Zeichner Simon Schwartz zu Beginn dieses Bandes dafür entscheiden, Faust mit einem MacBook unterm Arm darzustellen.
Man könne die im Stück enthaltenen „Konfrontationen menschlicher Selbstermächtigung mit anderen Wesen und mit Gesetzen und Grenzen der Natur kaum überlesen“, konstatiert auch Petra Lutz, Abteilungsleiterin des Goethe-Nationalmuseum bei der Klassik Stiftung, in einem dem Buch clever vorangestellten „Prolog im Archiv“.
Comic-Künstler Simon Schwartz zeichnet zur Eröffnung des Buches alle Hauptcharaktere, unter anderem Heinrich Faust.
(Bildrechte: Simon Schwartz 2025)
Die daran anschließenden Themenkapitel, mit Titeln wie „Natur“, „Liebe“, „Kapitalozän“, unterscheiden sich stark in ihrer einzelnen Konzeption und Gestaltung. Die Liebe kommt beispielsweise als ABC daher, von ‚Abfuhr‘ über ‚Dirty Talk‘ (Mephistos zweideutige Aussage über ein „ungeheures Loch…“) bis ‚Zärtlichkeit‘ – jeweils versehen mit passenden Textpassagen aus beiden Faust-Teilen.
Dem wortgewandten Teufel widmet sich ebenfalls ein eigenes, collagenhaftes Kapitel. Hier finden sich unter anderem allerlei Fotos von Prominenten und Politikern neben Textpassagen Mephistos: Richard Nixon mit seinem Pudel Vicky, naja. Spätestens aber die Zusammenstellung von Karl Lagerfeld und Russlands Präsident Putin gemeinsam auf einer Doppelseite zum Schlagwort „Kälte“ wirkt doch ein bisschen effekthascherisch – oder, um es mit Fausts Vokabular zu sagen: abgeschmackt.
Näherbringen durch neue Anschlussfähigkeit
Der im zweiten Teil auftauchende Homunkulus erhält ebenfalls ein eigenes Kapitel. Das Wesen im Glasbehältnis, „eine Art körperloser künstlicher Intelligenz“, im Labor entstanden auf magisch-alchemistische Weise – „möglicherweise auch der erzählerischen Straffung und Theatertauglichkeit wegen“, wie es Petra Lutz formuliert. Es liegt selbstverständlich nahe, im Zeitalter von ChatGPT und KI allerorten, solche Anschlussfähigkeiten in einem fast 200 Jahre alten Werk zu identifizieren. Allerdings wirkt dieser KI-Bezug mitunter fast zwanghaft assoziiert oder in Goethes Schrift hineinprojiziert – und das gilt längst nicht allein für diese Nachrichten an das 21. Jahrhundert!
Aber geht es Goethe beim Homunkulus nicht vielmehr, wie im Faust überhaupt, um die Grenzen und Moral von Wissenschaft? Um die „Grenzüberschreitung und die Hybris, die in der Entstehung des Homunkulus zum Ausdruck kommen“, wie Petra Lutz es formuliert.
Was sagt die KI selbst zu künstlicher Intelligenz im Faust? Unterhaltung mit ChatGPT (Auszug) über KI-Bezüge in Goethes Faust-Dichtung
(Screenshot: Mitteldeutsches Magazin)
Unzweifelhaftes Highlight dieses Bandes ist das Themenkapitel zum Schlagwort „Natur“. Der Abschnitt enthält allerlei Zeichnungen und Skizzen des Naturforschers Goethe, aber auch Abbildungen beispielhafter Objekte und Kuriosa aus dessen Bibliothek und Sammlungen: eine Elektrisiermaschine, den Gipsabdruck eines Flugsaurier-Fossils, das Fragment eines Steinmeteoriten im Glas.
Eigentlich ist das Buch allein schon wegen solch spannender Sammlungsobjekte lesens- und sehenswert. Freilich fehlt es aber nicht an deren Bezügen zu Motiven der Faust-Tragödie: Eine Lithografie aus Goethes Sammlung zeigt beispielsweise einen Deichbruch bei Bremen 1827 – Themen wie Landgewinnung und Rückschläge durch derartige Naturereignisse waren schon zu Goethes Zeiten virulent.
„Ein frühes Porträt des Kapitalozäns“
Fortschritt und Umbrüche zu Lebzeiten Goethes erfassen auch der Literatur- und Kunstwissenschaftler Martin Peschken und der Kurator Martin Naundorf in ihrem Themenkapitel zum Schlagwort „Kapitalozän“. Anknüpfend an den inzwischen geläufigen Epochenbegriff des Anthropozäns (das Erdzeitalter des Menschen), illustrieren sie jenen Zeitgeist des frühen 19. Jahrhunderts anhand ausgewählter Dokumente, Erfindungen und Karten: neue Post- und Handelswege; zeitgenössisches Papiergeld; Geschäftsanteile am Bergwerk in Ilmenau (das unter Goethes Aufsicht stand). Besonders der zweite Teil des Faust bilde die „Gemengelage aus menschlichem Wollen, Gesellschaftsverhältnissen, Energiebedarf, Naturnutzung und entgrenztem Wachstum“ geradezu „irritierend wiedererkennbar“ ab, sodass Naundorf und Peschken daraus direkt „eine Botschaft an die heutige Welt“ erkennen: „dass Fortschritt nicht nur in Geschwindigkeit und Wachstum besteht, sondern auch in der Verantwortung, seine Folgen zu bedenken.“
„Vielleicht erschließt sich die im Faust vorgeführte Verflechtung der sich kapitalisierenden Verhältnisse mit der Natur erst von Klimawandel und Artensterben bedrohten Generationen in vollem Umfang.“
(Petra Lutz)
Betr.: Mephisto et al.
So bietet Goethes Faust. Nachrichten an das 21. Jahrhundert eine überaus gelungene Einführung in zentrale Themen und Handlungsstränge des Faust II – und das nicht nur für Literaturenthusiasten. Die Themenkapitel bieten einen strukturierten Zugang einerseits zu diesem überaus komplexen Werktext, andererseits zur Gedankenwelt des Autors und Forschers Goethe, der sich immerhin mehr als sechs Jahrzehnte seines langen Lebens mit dem Stoff beschäftigt hat.
Zugleich ergeben sich aus den Kapiteln quasi Vorschläge für die Betreffzeilen eben jener Nachrichten an das 21. Jahrhundert. Die Inhalte dieser Nachrichten – und ihr Tonfall: mahnend, fragend, belehrend – können dabei sehr vielfältig ausfallen, das zeigen die sehr divers gestalteten Kapitel ebenfalls. Keineswegs sind es aber nur literaturwissenschaftliche Botschaften, die hier zum Versand entworfen werden!
Martin Peschken formuliert in seinem Natur-Kapitel anschaulich: Goethes Faust-Dichtung erreiche uns als „eine Flaschenpost aus der Frühzeit der Moderne“. Und mit Goethes Faust. Nachrichten an das 21. Jahrhundert erreicht uns eine Einladung: eine Einladung zum Erkunden und Selber-Lesen; zum Besuch in Sammlungen mit all den Objekten; zu Führungen und Gesprächen mit Expertinnen und Experten, deren Kontextwissen den Werktext so ungemein bereichert.
Es ist eine Einladung nicht bloß zum Lesen der Nachrichten an das 21. Jahrhundert, sondern zum Austausch über Goethes großes Faust-Drama, weit über das zu Ende gehende Themenjahr hinaus.
Klassik Stiftung Weimar/Petra Lutz/Martin Naundorf/Nanny Schedler/Jan Wenzel (Hg.):
Goethes Faust. Nachrichten an das 21. Jahrhundert
240 Seiten
Spector Books 2025
TIPP:
Mehr zum Goethe-Klassiker bietet noch bis 1. November 2027 die Sonderausstellung „Faust“ im Schiller-Museum Weimar.