Vom Nacktarsch bis zum Mordgraben – was uns Flurnamen erzählen
Wer sich schon immer einmal gefragt hat, warum ein unscheinbares Waldstück oder eine Wiese einen so eigentümlichen Namen trägt, findet in einem nun erschienenen Buch Antworten.
von Sadie Bernhardt
Hinter den Bezeichnungen für Wege, Hügel oder Felder verbirgt sich oft weit mehr als eine einfache Orientierungshilfe: Sie sind lebendige Zeugen unserer Geschichte, die von uralten Nutzungsformen, dem Wandel der Landschaft und den Dialekten der Vorfahren erzählen. Damit widmet sich das Werk einem oft unterschätzten Teil des kulturellen Erbes – den Flurnamen.
In dem anlässlich der Tagung „25 Jahre Thüringer Flurnamenforschung“ herausgegebenen Band Flurnamen als kulturelles Erbe – Sprachdenkmäler aus Thüringen und Europa spannen die Autorinnen und Autoren einen weiten Bogen: Von detaillierten regionalen Fallstudien einzelner Thüringer Gemeinden bis hin zu einer vergleichenden europäischen Perspektive mit Beiträgen aus Luxemburg und Südtirol. Das Buch beleuchtet, wie Flurnamen entstehen, warum sie sich wandeln und warum die Gefahr besteht, dass sie schleichend in Vergessenheit geraten.
Der besondere Reiz des Buches liegt in der ortstypischen Betrachtung. Anhand von Beispielen aus der Region wird greifbar, wie präzise die Menschen vergangener Generationen ihre Umwelt wahrgenommen und benannt haben. Die Palette reicht dabei von pragmatisch-funktionalen Bezeichnungen bis hin zu jenen, die zum Schmunzeln anregen – Namen, denen man vielleicht sogar selbst schon auf einer Wanderung begegnet ist. Durch den Blick über den Tellerrand hinaus auf europäische Beispiele gelingt es zudem, allgemeingültige Muster der Namensgebung und Sprachgeschichte aufzuzeigen.
Mehr zu Flurnamen erfahren?
Die Kolumne in unserem Kultur-Ressort beleuchtet u.a. die tierischen Herkünfte von Flurnamen in Mitteldeutschland.
(Fotorechte: Thüringer Flurnamenprojekt)
Methodisch schlägt der Sammelband eine Brücke zwischen Sprach- und Geschichtswissenschaft, Geographie und Heimatforschung sowie Informatik. Besonders wertvoll für alle, die tiefer in die Materie einsteigen wollen: Das Buch bietet fundierte Anleitungen zur Arbeit mit Datenbanken und erläutert, wie digitale Methoden die moderne Dokumentation von Flurnamen revolutionieren und wie einzelne Flurnamen-Forscher in ihrer Region vorgehen.
Was dieses Buch über das rein Fachliche hinaushebt, ist der Praxisbezug: Die Autorinnen und Autoren zeigen eindrucksvoll auf, warum die Dokumentation von Flurnamen für Archive, die Denkmalpflege und die regionale Identität unverzichtbar ist. Dabei beweisen sie wissenschaftliche Offenheit, indem sie zeigen, wo die Forschung an Grenzen stößt und wo manche Deutung bis heute Spekulation ist.
Das Ergebnis ist ein ebenso aufschlussreiches wie kurzweiliges Fachbuch, das nicht nur Sprachwissenschaftlern, sondern vor allem historisch und regional interessierten Leserinnen und Lesern zu empfehlen ist. Es schärft den Blick für die Details am Wegesrand und verdeutlicht, dass Heimatforschung weit mehr ist als das Bewahren von Akten – es ist die aktive Pflege des kulturellen Gedächtnisses. Wer dieses Buch gelesen hat, ist beim nächsten Spaziergang garantiert aufmerksamer.
Barbara Aehnlich, David Brosius, Hans-Peter Schmit (Hg.):
Flurnamen als kulturelles Erbe.
Sprachdenkmäler aus Thüringen und Europa
Leipziger Universitätsverlag
261 Seiten