Cover des Comics SURWILO von Olga Lawrentjewa

„Hunger ist das Schlimmste“

Die russische Comic-Künstlerin Olga Lawrentjewa erzählt in ihrer Graphic Novel SURWILO das Leben ihrer Großmutter unter Stalins totalitärer Herrschaft und der Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg. Eine Reise durch einen intensiven Comic – im Dialog mit der Übersetzerin Ruth Altenhofer.

von Frank Kaltofen
 

(Bildrechte: Olga Lawrentjewa / Avant Verlag 2022)

Das Leben von Walentina Surwilo beginnt mit einer glücklichen Kindheit im kommunistischen Russland, im damals Leningrad genannten St. Petersburg. Doch was sich auf den anschließenden Seiten entfalten wird, ist die Geschichte einer lebenslangen Verlustangst: „Das Unglück ist immer ganz nah“, sagt Walentina in der Graphic Novel Surwilo ihrer Enkelin, der russischen Comic-Künstlerin Olga Lawrentjewa, die das Leben ihrer 1925 geborenen Großmutter aufgezeichnet hat.

Olga Lawrentjewas Comic erzählt nicht einfach aus dem Leben ihrer Großmutter, sondern vom Trauma einer ganzen sowjetischen Generation: von der Angst, dass ein geliebter Mensch von einem Augenblick auf den anderen verschwindet. Walentinas Vater fällt 1937 den stalinistischen Säuberungen zum Opfer, wird verhaftet und verschwindet spurlos. Seine Frau und Kinder werden – als ‚Systemfeinde‘ verfemt – nach Baschkortostan, östlich der Wolga, verbannt: „Meine Kindheit war mit zwölf Jahren vorbei“, erinnert sich Walentina im Comic. 

Doch ihre Schwester und sie wollen die Hoffnung nicht aufgeben, schreiben Briefe an den Kreml, an „Genosse Stalin“ persönlich gerichtet. „Natürlich wird er antworten, was sonst?“ – der kindlich-trotzige Optimismus bleibt folgenlos; keiner der fragenden Briefe zum Verbleib des Vaters wird je beantwortet.

Aber es ist nicht nur der stalinistische Terror, sondern auch das Trauma des Krieges, das Olga Lawrentjewa in Panels gebannt hat. Der in Berlin ansässige Avant-Verlag hat ihren Comic als die erste auf Deutsch übersetzte Graphic Novel aus Russland überhaupt auf den hiesigen Markt gebracht. 

Die österreichische Übersetzerin Ruth Altenhofer hat das rund 300 Seiten starke Werk ins Deutsche übertragen. Was sind die Herausforderungen dabei, einen Comic aus dem Russischen zu übersetzen? Dabei spielt natürlich vor allem die Schrift eine Rolle; kyrillische Buchstaben sind nun mal anders als lateinische.

RUTH ALTENHOFER: „Man ist im ständigen Dialog mit dem Bild. Man sucht nach der idealen Verteilung für den Text. Wenn etwa ein einzelnes Wort ganz in Großbuchstaben steht oder fettgedruckt hervorgehoben wird, muss ich überlegen, wie ich den Satz im Deutschen so konstruiere, dass der Text in den gezeichneten Sprechblasen genug Platz hat und mit dem Bild zusammen Sinn ergibt.“ 

Dabei sei nicht jeder Comic gleich schwierig, erklärt Ruth Altenhofer. Die deutsche Ausgabe von Surwilo wurde außerdem von der russischen Zeichnerin selbst gelettert, diese konnte also selbst in ihre Bilder eingreifen und den übersetzten Text an die entsprechende Position setzen. Das habe erstaunlich gut funktioniert – obwohl Olga Lawrentjewa kein Deutsch beherrscht. Andere Herausforderungen beschreibt die Übersetzerin so:

RUTH ALTENHOFER: „Schwierig zu übertragen ist häufig Humor, weil vieles einfach nicht in einer anderen Sprache funktioniert. Das gleiche gilt auch für Wortspiele. Der Comic ist einfach oft kreativer, lotet mehr von den spielerischen Möglichkeiten mit Sprache aus als andere Textarten. Eine besondere Herausforderung beim Comic ist auch, die typischen Soundwords zu übersetzen. Da muss man Acht geben, nicht unbeabsichtigt etwas ins Lächerliche zu ziehen.“

Das gilt natürlich besonders in einem Comic, der Diktatur und Krieg behandelt. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, ist Walentina als junge Studentin zurück in Leningrad. Ab Herbst 1941 erlebt sie die Blockade der Stadt durch die deutsche Wehrmacht, die rund 28 Monate andauert. Nach dem ersten Blockade-Winter sehen wir im Comic, wie die junge Frau als Sanitäterin in einem Gefängnis Leichen aus einem Holzschuppen trägt, bevor diese aufzutauen beginnen. Sie selbst wirkt in den Zeichnungen zu diesem Zeitpunkt bereits fast wie eine Leiche, vollkommen ausgehungert und von ständigem Wachehalten und Fliegeralarm ausgezehrt: „An Bomben gewöhnt man sich schnell. Kälte kann man ertragen, Dreck, Erschöpfung... Hunger ist das Schlimmste” – dieser rückblickende Satz der Protagonistin geht tief. Ob Ruth Altenhofer angesichts solcher Schilderungen manchmal beim Übersetzen die Worte gefehlt haben, um das Erlebte angemessen darzustellen?

RUTH ALTENHOFER: „Ich finde, das Faszinierende ist, auch in Extremsituationen bleibt das, was die Menschen sprechen, oft so erstaunlich normal. Egal, in welcher Zeit es spielt, welche schrecklichen Dinge rundherum passieren – wir Menschen sagen im Grunde dieselben Dinge zueinander. Als Walentina die gefrorenen Leichen aus dem Schuppen holen muss, sagt sie im Original eigentlich das Wort ‚mamotschki‘ – eine Verniedlichungsform von ‚Mama‘, und das dann auch noch im Plural. Wie übersetzt man das in diesem Kontext? Was sagt man in so einer Situation, die wir uns ja in keiner Sprache vorstellen können? Im Deutschen steht an dieser Stelle jetzt „Oh Gott“ – primär als Ausruf, der zeigt: Sie ist noch da, sie hat noch eine Stimme. Der Rest der Seite ist ohnehin den schrecklichen Bildern gewidmet.

Ausschnitt aus Olga Lawrentjewas Comic "Surwilo. Eine russische Familiengeschichte"

Ausschnitt aus Olga Lawrentjewas Comic Surwilo. Eine russische Familiengeschichte

Nach dem Grauen der Blockade pflegt Walentina zunächst weiterhin Verwundete, heiratet dann direkt nach dem Kriegsende einen Jugendfreund, der seine vielversprechende Militärlaufbahn für sie aufgibt. Denn noch immer ist sie durch den Volksfeind-Status ihres Vaters gebrandmarkt, wird deswegen immer wieder bei der Suche nach Anstellungen abgelehnt; Angaben zum Beruf und Stand der Eltern waren damals Vorschrift.

Dann, 1958 – mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Verschwinden ihres Vaters – erhält sie ein offizielles Schreiben: Das Verfahren gegen ihren Vater sei „aufgrund des fehlenden Tatbestands eingestellt. Herr Surwilo ist post mortem rehabilitiert.“ „Post mortem“ – Gewissheit also darüber, dass ihr Vater tot ist. Er war bereits elf Tage nach seiner Festnahme hingerichtet worden. 

Doch das erfährt Walentina erst wiederum viel später, als sie Einsicht nehmen darf in die geheimen Akten aus den 1930er Jahren – „kein einziger Beweis, die Anklage bestand aus NICHTS“. Zwischen den Papieren findet sie auch jene bittenden Briefe, die sie mit ihrer Schwester damals geschrieben hatte.

Olga Lawrentjewas Comic erzählt damit eindrücklich von der Willkürherrschaft und dem Terror des Stalinregimes, das unter dem von Putin beförderten Geschichtsrevisionismus in Russland seit Jahren eine Renaissance als Vorbild für einen neuen russischen Nationalismus erfährt. Begibt sich die Zeichnerin, die heute in St. Petersburg lebt, damit nicht in Gefahr? Übersetzerin Altenhofer verneint, sie habe nichts von Problemen gehört, die Olga Lawrentjewa bekommen hätte, nachdem das Buch 2019 in Russland erschienen war:

RUTH ALTENHOFER: Die Literatur, zumal in diesem Fall die grafische Literatur, spielt im öffentlichen Diskurs einfach eine viel zu geringe Rolle – verglichen etwa mit journalistischen Texten, mit denen man sich viel schneller einem Risiko aussetzt. Jedenfalls dann, wenn man sich mit einem historischen Thema befasst; bei anderen russischen Comic-Zeichnerinnen, die etwa zu LGBT-Themen arbeiten, kann das schon ganz anders aussehen. 

Eine Dissonanz also: In die Vergangenheit hinein könne man leichter Kritik üben als am Hier und Jetzt. Daran liegt es also nicht, dass uns im Deutschen nicht mehr russische Graphic Novels wie die von Olga Lawrentjewa begegnen – woran dann? Altenhofer nennt eine Vielzahl von Gründen: 

RUTH ALTENHOFER: An sich ist das Medium der Graphic Novel ja schon ein absolutes Wunder – dass es Menschen gibt, die sich tatsächlich hinsetzen und ganze Bücher von 200 oder 300 Seiten zeichnen! Zum Teil hat das sicherlich auch mit der wirtschaftlichen und sozialen Absicherung zu tun, für die es beispielsweise in Ländern wie Deutschland oder Frankreich besser etablierte Strukturen gibt, etwa durch Stipendien. Das ist in Russland deutlich weniger ausgeprägt. 

Auch die gesellschaftliche Stellung des Mediums Comic spiele wieder mit hinein, ergänzt sie:

RUTH ALTENHOFER: Schon in der Sowjetunion hatte man starke Ressentiments gegen das Medium Comic. Es zählte nicht nur zur Schundliteratur – wie das ja auch in Deutschland lange der Fall war – sondern es kam noch die anti-westliche Haltung hinzu. Dadurch konnte sich der Comic wohl noch schwerer als anderswo als respektable Kunstform durchsetzen. Und vielleicht kommen dadurch auch immer noch wenige in Russland auf die Idee, ganze Bücher zu zeichnen. Aber sicher gibt es auch noch Comic-Schätze in Russland, die wir einfach noch nicht gehoben haben. 

Denn deutschsprachige Verlage müssten erst einmal auf den Comic aufmerksam werden, so die Übersetzerin, und ihn als interessant genug für ihre Zielgruppe einschätzen. Da hätten es grafische Erzählungen aus Russland oft nicht leicht, resümiert sie:

RUTH ALTENHOFER: Manchmal liegt es daran, dass der Stoff zu fremd ist für das deutsche Publikum; in anderen Fällen ist es aber nicht ‚fremd genug‘. Aus Russland erwartet man immer eine ganz eigene Art von Geschichten.“

Olga Lawrentjewa:
Surwilo. Eine russische Familiengeschichte
Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer
Avant-Verlag 2022
312 Seiten

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.