Interview: Neue Vorsitzende der Stiftung Ettersberg
Franka Maubach, Vorsitzende des Vorstands der Stiftung Ettersberg

„Die vermeintlich positiven Bilder von Diktaturen entstehen im Nachhinein; es sind Mythen“

Ein Gespräch mit der Zeithistorikerin Franka Maubach, seit April neue Vorsitzende des Vorstands der Stiftung Ettersberg.
 

(Foto: Stiftung Ettersberg)

MdM: Frau Professor Dr. Maubach, als Zeithistorikerin haben Sie unter anderem zu rechter Gewalt und Rassismus im ostdeutschen Umbruch geforscht. Welche Erkenntnisse daraus wollen Sie in die Arbeit der Stiftung Ettersberg einbringen?

MAUBACH: In der zeithistorischen Forschung wird das Thema erst etwa seit dem Einzug der AfD in den Bundestag 2017 überhaupt untersucht. Dass die bundesdeutsche Demokratie beständig und in bestimmten Zeitphasen sehr intensiv von rechts herausgefordert wurde, war vorher kaum auf der Agenda der Geschichtswissenschaft. Daher ist es mir wichtig, dass Thema allgemein präsent und in der Diskussion zu halten – und dazu sowohl in der Stiftung als auch an Universität Jena, wo ich seit Juni diesen Jahres die Professur für Europäischen Diktaturenvergleich innehabe, Veranstaltungen zu organisieren und Seminare durchzuführen. 

Besonders wichtig finde ich die Erforschung der Geschichte der radikalen Rechten auf der Ebene der Bundesländer, der Regionen und Kommunen. Interessant ist zum Beispiel, dass es nach 1990 in Thüringen, anders als allen anderen ostdeutschen Bundesländern, weder der NPD noch der DVU gelungen ist, in den Landtag einzuziehen. Die AfD war 2017 die erste rechte Partei im Thüringer Landtag. Diese Regionalgeschichte nach 1990 müssten wir genauer untersuchen, um die Durchsetzung rechter Parteien von unten nach oben nachvollziehen zu können. Dies scheint mir vielleicht noch wichtiger, als Analogien zum Aufstieg der Nationalsozialisten im »Mustergau« Thüringen seit Mitte der 1920er Jahre herzustellen. 

Inzwischen sitzen in mitteldeutschen Kommunal- und Landesparlamenten zahlreiche Politikerinnen und Politiker, die beiden von der Stiftung erforschten Diktaturen durchaus „Positives“ abgewinnen können. Wie geht die Stiftung mit solch einer Herausforderung um?

Herausforderungen sind dazu da, angenommen zu werden. Die Arbeit der Stiftung konzentriert sich auf die Erforschung der doppelten deutschen Diktaturgeschichte im europäischen Kontext des 20. Jahrhunderts. Es geht darum, Diktaturgeschichte komplexitätsorientiert und quellenbasiert zu erforschen – hier gibt es keine einfachen Antworten oder positiven Botschaften. Diktaturen lässt sich nichts Positives abgewinnen, weil es eben Diktaturen sind: Sie beschneiden strukturell Freiheiten, unterdrücken Menschen und geben nur Wenigen Macht – in der Regel Männern. Daran kann niemand interessiert sein. Die vermeintlich positiven Bilder von Diktaturen entstehen im Nachhinein; es sind Mythen. Dies gilt zum Beispiel für die vermeintlich egalitäre, soziale DDR – wer Eingaben aus den 1980er Jahren gelesen hat, die millionenfach bei Funktionsträgern eingingen, der weiß: Zeitgenössisch trugen nur noch diejenigen das Bild vom guten Leben in der DDR vor sich her, die Dogmatiker waren. Der verbreitete Unmut in allen Schichten der Bevölkerung über die Lebensbedingungen in der DDR sind das Korrelat zum Protest der Bürgerrechtsbewegung: eine fundamentale Kritik an den Zuständen, die Respekt abnötigt. Daran müssen wir wieder mehr erinnern.

„Ostdeutschland sollte nicht nur als Raum wahrgenommen werden, der von rechts herausgefordert wird.“

Abseits der politischen Mandatsträger gedacht, wie lassen sich Wählerinnen und Wähler, die solche Gesinnungen teilen, für eine Aufklärung über Diktaturen – wieder – erreichen?

Ostdeutschland sollte nicht nur als Raum wahrgenommen werden, der von rechts herausgefordert wird. Wenn wir von Ostdeutschland nur als „braunem Osten“ sprechen, wenn wir Ostdeutschland fast ausschließlich in Assoziation mit der radikalen Rechten thematisieren, verlieren wir zu viel. Gerade in den westlichen und süddeutschen Bundesländern muss dieser – sehr wirksame – Diskurs geöffnet und verändert werden. Denn Ostdeutschland mit seinen fünf Bundesländern ist weit mehr und vielfältiger. Thüringen etwa verfügt über eine dichte, engagierte und vielstimmige Zivilgesellschaft aller demokratischen Lager, von konservativ bis links, über die wir viel mehr berichten sollten. Aufklärung über Diktaturen, wie Sie es nennen, darf nicht abstrakt bleiben. Zu ihr gehört die intensive Beschäftigung mit der Geschichte der Demokratie. Es muss uns klar sein oder werden, was mit dem potenziellen Verlust der demokratischen Gesellschaft für jede und jeden auf dem Spiel steht. Diktatur- und Demokratiegeschichte hängen eng miteinander zusammen. 

Die Stiftung hat in den letzten Jahren auch Videointerviews mit Menschen geführt, die zum Beispiel zur DDR-Zeit in der Untersuchungshaftanstalt Andreasstraße inhaftiert waren. Im Zeitalter von TikTok und kurzen Aufmerksamkeitspannen, welche Rolle können solche Bewegtbild-Formate zur „Oral History“ für die junge Zielgruppe spielen?

Ich möchte in meiner Arbeit einen Schwerpunkt auf Zeitzeugenarbeit legen, da ich selbst mit lebensgeschichtlichen Interviews geforscht habe. Die intensive Auseinandersetzung mit den Erfahrungen von Zeitzeugen über das Zuhören ist eine besondere Kompetenz, über die junge Menschen durchaus verfügen. Eher würde ich der Geschichtswissenschaft einen Vorwurf machen: Wir arbeiten immer noch vorwiegend mit schriftlichen Quellen – sie sind weiter der Königsweg der Forschung. Wenn Sie historische Sachbücher, aber auch wissenschaftliche Arbeiten wie Doktorarbeiten lesen, werden Sie in den Fußnoten nur selten Verweise auf Bild- oder Hörquellen finden. Meine Seminare zur Visual, Sound oder Oral History sind immer sehr gut besucht – und die Studierenden können sich hervorragend auf diese Quellen einlassen, wenn sie gut eingeführt und kontextualisiert werden. In Museen und Gedenkstätten wird sehr viel mit Zeitzeugenüberlieferungen gearbeitet. Hier müssen wir überlegen, was sich durch KI-generierte Zeitzeugenschaft ändern wird und wo wir besser auf die Interviews zurückgreifen, über die wir verfügen. Seit den 1980er Jahren wurden zahllose Interviewprojekte durchgeführt – ein großer Schatz, den wir intensiver nutzen sollten und werden.

„Es muss uns klar sein oder werden, was mit dem potenziellen Verlust der demokratischen Gesellschaft für jede und jeden auf dem Spiel steht.“

In die Zukunft geblickt, werden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der NS-Diktatur absehbar nicht mehr verfügbar sein. Was wird das für die Arbeit der Stiftung Ettersberg bedeuten? 

Die Frage wird häufig gestellt. Ich würde nicht sagen, dass Zeitzeuginnen und Zeitzeugen „nicht mehr verfügbar“ sind. Seit den 1980er Jahren wurden zahllose Interviews mit ihnen geführt, die angehört und angesehen werden können. Diese Bestände sind heute noch längst nicht erschlossen, viele Interviews werden noch gar nicht genutzt. Wir sollten uns auf diese reiche Überlieferung konzentrieren – und sie behutsam und aufmerksam nutzen. Noch etwas ist mir wichtig: In der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, deren Trägerin die Stiftung ist, sind die Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die aus eigener Erfahrung und „live“ vom SED-Unrecht berichten können, noch sehr aktiv. Das haben wir jüngst gesehen, als in der Andreasstraße der 17. Juni begangen wurde. In den Medien, auf Podien, vor Besuchern und für Schülergruppen berichten sie von ihren Erfahrungen. Sie sind aber auch auf anderen, weniger sichtbaren Ebenen in der Stiftungsarbeit präsent – und haben einen nicht unerheblichen Anteil daran gehabt, dass die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße 2012 überhaupt eröffnet werden konnte. Sie teilen ja nicht nur ihre Erinnerungen, aus denen wir dann lernen können, sondern erweisen der demokratischen Gesellschaft auch mit Blick auf Prozesse der Institutionalisierung oder der Erinnerungskultur vor Ort einen aktiven und engagierten Dienst.

Haben Sie vielen Dank für diese Eindrücke.

Die Fragen stellte Frank Kaltofen. 

Die Stiftung

Die 1999 gegründete Stiftung Ettersberg widmet sich der Aufarbeitung von Diktaturen in Europa. Der namensgebende Ettersberg bei Weimar steht dabei für eine zweifache Diktaturerfahrung: Dort befand sich während der Zeit des Nationalsozialismus das Konzentrationslager Buchenwald und unmittelbar nach dem Krieg das ›Sowjetische Speziallager Nr. 2‹, eines von zehn Speziallagern in der sowjetischen Besatzungszone. Seit 2012 ist auch die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt Teil der Stiftung.

Prof. Dr. Franka Maubach

ist seit 1. April 2026 Vorsitzende des Vorstands der Stiftung Ettersberg und hat seit Juni die Professur für Europäischen Diktaturenvergleich an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Die Zeithistorikerin hatte zuvor Professuren in Wuppertal, Berlin, Bielefeld und Freiburg vertreten.

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