Britische Blicke auf die „Zweite Welt“ erforschen

Anglisten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg laden internationale Fachleute zur Diskussion über britische Literatur seit 1989, die den ehemaligen Ostblock thematisiert.
 

von Frank Kaltofen

Als junger Austauschstudent kommt der Schotte Robert in den 1980ern nach Leipzig – und findet eine ihm fremde Welt vor. In der DDR trifft er die desillusionierte Sozialistin Magda und wird ungewollt zum Mitwisser ihrer Fluchtpläne. Roberts Erlebnisse sind Teil des Buches The Leipzig Affair der britischen Autorin Fiona Rintoul. Der Roman ist nicht nur ein Beispiel für Gegenwartsliteratur aus dem Vereinigten Königreich, die die Region Mitteldeutschland als Schauplatz nutzt, sondern zugleich eines von vielen britischen Werken über die so genannte „Second World“: So wurden während des Kalten Krieges die sozialistischen Länder bezeichnet, die unter Führung der Sowjetunion der „Ersten Welt“ – also den westlichen Industriestaaten – gegenüberstanden. 

Zwar existiert diese politische Allianz längst nicht mehr. Doch die Geschichte der damals verbundenen „Ostblock“-Staaten wirkt mitunter auch in die Gegenwart hinein – etwa indem sie heutige Innen- und Außenwahrnehmungen mitprägt, inklusive Erzählungen in Medien wie Literatur und Film

Solche Erzählungen sind Thema der Tagung The ‘Second World’ in Contemporary British Writing, die vom 16. bis 18. September Anglistinnen und Anglisten aus mehreren europäischen Ländern in Halle zusammenbringt. Ziel sei es, bestehende Forschungskontakte zu intensivieren und künftig noch enger zusammenzuarbeiten, nicht nur mit Kolleginnen und Kollegen aus Großbritannien, sondern auch aus Ländern Osteuropas wie Ungarn, Polen oder der Ukraine, erklärt uns Tagungsleiterin Katrin Berndt, Professorin für Englische Literatur und Kultur an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Wir sprachen mit ihr über historische Schauplätze, literarische Sehnsüchte und das Erbe der James-Bond-Romane:

MdM: Frau Professor Berndt, was interessiert Sie und Ihre Fachkolleginnen und -kollegen an der zeitgenössischen britischen Literatur über die „Second World“?

BERNDT: Der Begriff „Zweite Welt“ ist historisch geprägt. Wir nehmen den historischen Bezug als Ausgangspunkt um zu erkunden, welche Themen und Geschichte(n) mit dieser nun nicht mehr real existierenden „Second World“ in der britischen Literatur verbunden sind. Was interessiert deren Autorinnen und Autoren, und was lesen wir in ihren Werken, die aus heutiger Perspektive auf diese Zeiten zurückschauen? Welche Ideen und Motive bestimmen in der britischen Gegenwartsliteratur die Darstellung der Länder Mittel- und Osteuropas jener Jahrzehnte – und warum erscheinen sie uns wichtig?

Eine Erklärung für diesen suchenden Blick zurück hat der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman entwickelt: Mit dem Begriff „Retrotopia“ beschreibt er eine nach dem Verlust gesellschaftlicher Utopien weiterexistierende Sehnsucht nach Entwürfen einer besseren Welt. Mit dem Ende des Kalten Krieges, so Bauman, verschwanden gesellschaftliche Utopien, die ein besseres, glücklicheres Leben versprochen hatten. Diese Möglichkeit wurde sozusagen „privatisiert“ und dem Einzelnen aufgebürdet. Das aber, so Bauman, sei unzureichend und unbefriedigend, und so blicken wir heute – nicht nur in Europa – zurück mit einer Mischung aus Nostalgie und Utopie: Wir stellen uns die Vergangenheit als einen Ort gesellschaftlicher Alternativen vor und verknüpfen dabei deren historisch belegte mit nur vermeintlichen oder erwünschten Eigenschaften. Ein Roman, Film oder Theaterstück mit Figuren und Schauplätzen der „Zweiten Welt“ kann ein solches Retrotopia sein. Die Literatur erlaubt uns, in unserer Vorstellungskraft die „Zweite Welt“ erneut zu besuchen – begleitet von dem Wissen, dass damalige Entwürfe zwar gescheitert sind, dass die „Versöhnung von Freiheit und Sicherheit“, wie Bauman schreibt, aber weiterhin ersehnt wird.

Die schottische Autorin Fiona Rintoul, die zur Lesung ihres Romans The Leipzig Affair zur Tagung anreist, hat selbst in den 1980er Jahren in Leipzig gelebt. Welche persönliche oder sonstige Motivation haben andere britische Autorinnen und Autoren, sich heute der Thematik widmen?

Es gibt tatsächlich eine Reihe britischer Autorinnen und Autoren, die, wie Fiona Rintoul, durch eigene, biographische Erfahrungen inspiriert wurden. Dazu gehörte Carl Tighe, der in den 1980er Jahren in Polen gelebt und dies 2001 in seinem Roman Burning Worm verarbeitet und auch mehrere Sachbücher über Polen und Osteuropa geschrieben hat. Der Historiker und Essayist Timothy Garton Ash hat 1997 mit Die Akte Romeo eindrückliche autobiographische Erinnerungen an seine Jahre in Ostberlin und seine Rückkehr in das wiedervereinigte Deutschland – inklusive Lektüre seiner Stasi-Akte – veröffentlicht. 

Generell waren und sind historische Schauplätze und Figuren in der britischen Literatur überaus beliebt, ebenso wie in populären Film- und Fernsehproduktionen. Gerade letzteren bieten historische Stoffe optisch ansprechende Kulissen, Kostüme und Landschaften. Natürlich wird oft die eigene, britische Geschichte erzählt, aber nicht immer: Mitteleuropäische Schauplätze sind ebenfalls interessant, besonders, wenn sie dem britischen Publikum bereits vertraut sind – das geteilte Berlin war vor 1989 und ist weiterhin ein beliebter Schauplatz in der britischen Literatur und in Filmproduktionen. 

Die britische Autorin und Übersetzerin Fiona Rintoul liest am Sonntag, dem 18.09.2022 ab 17.00 Uhr im Literaturhaus Halle aus ihrem Debütroman The Leipzig Affair.

(Foto: ©Peter Edwards)

Was sind die wesentlichen Unterschiede in der Darstellung des östlichen Europa in der Literatur vor und seit dem Ende des Kalten Krieges?

Auffällig ist, dass viele der heutigen Romane auf mehreren Zeitebenen spielen, von denen eine vor 1989, die andere nach dem Mauerfall liegt. Auf diese Weise lassen sich die historischen Epochen gut vergleichen und auch überraschende Gemeinsamkeiten zeigen. Und die Figuren haben die Möglichkeit, auf früheres Handeln zurückzublicken, sich vielleicht einer Schuld zu stellen. Natürlich bietet das Erzählen auf mehreren Zeitebenen auch die Chance, politische Entwicklungen zu betrachten: Welche Hoffnungen haben sich erfüllt, welche nicht?

Interessant ist auch, dass neben Romanen persönliche Erinnerungen und fiktionalisierte Biographien eine größere Rolle spielen. Anders als im Spannungsthriller steht hier ziviles und privates Leben in den Staaten der „Zweiten Welt“ im Mittelpunkt. Einige Romane behandeln dabei Themen wie Unterwerfung, Loyalität und Opportunismus, die auf bestimmte Weise mit jener Zeit verbunden sind, deren Bedeutung aber über diese hinausreicht. Julian Barnes‘ fiktionale Biographie über den sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch, Der Lärm der Zeit, ist dafür ein gutes Beispiel.

Schließlich lädt der nun bestehende zeitliche Abstand zur real existierenden „Zweiten Welt“ auch zu humorvollen, satirischen Darstellungen ein. Ungerechtigkeit und Machtwillkür der sozialistischen Diktaturen verlieren in der Distanz ihren unmittelbaren Schrecken: In der Literatur können sie ins Absurde überzeichnet und so bloßgestellt werden. 

Wie viel Beschäftigung mit britischen Verhältnissen durch den Blick auf „das Andere“ steckt in dieser Literatur? Anders gesagt: Geht es eigentlich immer auch um Großbritannien?

Das ist eine spannende Frage. Der Begriff und Blick auf „das Andere“ wird in der britischen Literatur oft mit kolonialen Denkmustern in Verbindung gebracht. Diese fanden sich auch in kulturellen und literarischen Darstellungen, wie etwa die Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak aufgezeigt hat. Nun wurde die „Zweite Welt“ nicht von Großbritannien kolonisiert; die entsprechenden Länder Mittel- und Osteuropas gehörten ja zur imperialen Einflusssphäre der Sowjetunion. Daher interessiert mich in meiner Arbeit besonders, inwieweit aktuelle britische Romane die „Zweite Welt“ tatsächlich als dieses Andere darstellen – oder aber als eine Variante des Vertrauten, des Eigenen, nur eben in anderen ideologischen und politischen Zwängen. Nutzen britische Autoren Orte und Figuren des historischen Mittel- und Osteuropa, um die offensichtlichen wie unausgesprochenen Widersprüche der heutigen, durch einen normativen Individualismus geprägten Gesellschaft sichtbar zu machen? Wie werden Themen wie Autonomie, Privatleben, Arbeit und Erfüllung gestaltet in einem zeithistorischen Schauplatz, in dem der Einzelne seine Bedeutung nicht als Individuum, sondern als Mitglied der Gemeinschaft erfahren sollte?

Ist das denn ein spezifisch britisches Phänomen? Oder gibt es Ähnliches zum Beispiel in der US-amerikanischen oder französischen Genre-Literatur seit dem Ende des Kalten Krieges?

Zu Zeiten des Kalten Krieges waren mittel- und osteuropäische Schauplätze gattungsprägend in der britischen Literatur und Kultur – insbesondere der Spionagethriller sei hier genannt, der auch in Deutschland gerne gelesene Autor John Le Carré, oder aber populäre Filme wie die James-Bond-Reihe. Zum Kanon der britischen Literatur gehören George Orwells frühe Auseinandersetzungen mit totalitaristischen Tendenzen und insbesondere dem Stalinismus, der satirisch-allegorisch in Farm der Tiere (1945) und als Dystopie in 1984 (1949) problematisiert wurde. Generell würde ich sagen: die Tradition des Spannungsthrillers, die literarische Auseinandersetzung mit dem Ost-West-Konflikt, eine Faszination für das Verborgene und Geheimnisvolle, aber auch politische Sympathien für sozialistische Ideale bei gleichzeitiger Ablehnung autoritärer Tendenzen – das alles sind Aspekte der britischen Kultur. Was aber nicht heißt, dass solche Themen nicht auch andernorts auf Interesse stoßen! In der US-amerikanischen Literatur gehören beispielsweise Jonathan Franzens Unschuld aus dem Jahr 2015 und David Benioffs 2008 veröffentlichter Roman Stadt der Diebe zu den zeitgenössischen Beispielen, die Motive, Figuren und Schauplätze der „Zweiten Welt“ aufgreifen und erzählen. Die namibische Journalistin Lucia Engombe hat 2005 in Kind Nr. 95 ihre Erinnerungen an ihre Jugend in einem DDR-Kinderheim literarisch aufbereitet. Und der französische Autor Andreï Makine setzt sich in seinem Roman Das französische Testament von 1995 mit dem Leben in der Sowjetunion in den 1960ern und 1970ern auseinander – ebenfalls inspiriert von biographischen Erlebnissen.

Als Kennerin dieser Literatur: Was ist Ihr persönlicher Lese-Tipp unter den Ihnen bekannten, konferenz-relevanten Bänden?

Der Roman The Leipzig Affair von Fiona Rintoul, die für eine Lesung in das Literaturhaus Halle kommt, ist sehr empfehlenswert. Er verbindet eine unerfüllte Liebesgeschichte mit politischen Motiven und mehreren Erzählperspektiven. Julian Barnes‘ Der Lärm der Zeit ist eine bewegende und psychologisch komplexe Erzählung der Biographie Schostakowitschs. Und David Youngs The Karin Müller Series ist beste Krimiunterhaltung – besonders Band 1 der Reihe, Stasi Child, fand ich sehr gelungen.

Vielen Dank für diese Einordnungen, Frau Professor Berndt.

 

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